Nach einer mitverfolgten Diskussion im Fundus Ludi, von der ich vermutet habe, wie sie ausgehen wird, muss ich mal ein paar Worte zur Rollenspieltheorie und ihrer aktuellen Diskussion und Neuerfindung – im Rahmen von des Kaisers neue Kleider – in Deutschland loswerden. Eismann würde mich wahrscheinlich auf Sinnlosigkeit der Sache und insbesondere auf GMV hinweisen, aber wer die neun Pforten der Hölle erstmal geöffnet hat…

 

Es gibt kein gutes und schlechtes Rollenspiel in der direkten Differenzierung von Spielstilen. Der Sinn von Rollenspielen ist das Erleben von und Teilhaben an Abenteuern, das Annehmen anderer Rollen, das Meistern von Herausforderungen und vorallem der Spass an diesem schönen Hobby. Insofern gibt es gutes und schlechtes Rollenspiel, aber auf einer anderen Metaebene. Gutes Rollenspiel erfüllt die Bedürfnisse und Quintessenz des Hobbys, schlechtes Rollenspiel tut dies nicht.

Eine theoretische Einteilung unterschiedlicher Spielstile für einen wissenschaftlichen Unterbau kann nur ohne inhaltliche Wertung erfolgen, bzw. nur unter dem Aspekt der Ziele die ein RPG verfolgt.

Wenn im Abenteuerrollenspiel „Jaqueline und die roten Eicheln am Hof von Louis dem 14.“ das Ziel des RPG (und gegebenermaßen kongruent dazu das Ziel der Spieler, sonst würden Sie es nicht spielen) heißt, dass eine Jaqueline ganz viel wilden Sex in historischer Verkleidung an einem improvisierten Hof Frankreichs hat und alle danach glücklich grinsend mit roten, wundgescheuerten Genitalien nach Hause gehen, dann war es ein gutes Rollenspiel.

Wenn Laucian und Sissi wenig Zeit haben und am Freitag Abend innovativ Monster schlachten und die bösen Jungs besiegen wollen und ein avanced metaplot nur am Horizont auftauchen soll und Sie dann 4h später zerbeult 25.000XP kassieren und sich wie die Kinder über die neue Rüstung +4 freuen, dann ist das gutes Rollenspiel.

Wenn Scully und Mulder sich 4h an Verschwörungstheorien erbauen und anstatt das Alien am Ende wegzupusten, den ersten Kontakt aufbauen und dann noch eine Stunde über das Vergangene bei einem Bierchen reflektieren, um dann geistig stimuliert nach Hause zu gehen, dann ist das gutes Rollenspiel.

Insofern ist die hier gern kolportierte Unterscheidung von Begrifflichkeiten wie AbenteuerRollenSpiel(ARS) und/oder Stimmungsspiel von der Benennung her ganz einfach falsch. WODler erleben auch ein Abenteuer, wenn es die geliebte Sterbliche erwischt und grausame intrigante Rache am Hofe des Lords der Stadt geplant wird. Dies kann im Sinne des sogenannten „Stimmungsspieles“ durch soziale Interaktion rein verbal ausgepielt werden, es kann Gun Fu-technisch zum Showdown am Hof kommen oder eine Mischung aus allem sein, was sogar die wahrscheinlichste Variante ist, zumindest vom Durchschnitt der tausenden von RPG-Runden die ich beobachten konnte.

Die Probleme dieser ganzen Klassifizierungen werden an einem kleinen Beispiel deutlich: Oft wird von einem „cinematographischen“ Spielstil gesprochen, aber was ist das? Bullettimeeffekte an jeder Straßenecke? Malerische Landschaftsbilder à la Herr der Ringe um die Stimmung zu fassen? Grimmiger Bad to the Bone Körperverschleiss à la Die Hard? Mangaaction und SFX/VFX? Previuosly on Lost, Battlestar Galactica oder doch Metaebenverschiebungen mit Einsicht in andere Handlungsstränge? ALL das ist „cinematographisch“ und die Reduzierung auf einen Aspekt nicht nur belanglos, sondern falsch.

Rollenspieltheorien für Deutschland verfasst man halt nicht ideologisch verbrämt an einem Nachmittag, baut Sie etwas aus und packt ein bisserl Kontroverse rein, damit es auch auffällt!

Grundlagen:

1. Ziele, Aufgaben, Strukturen des Rollenspiels. Alles weitere findet unter Betrachtung von Punkt 1 statt.

2. Grobe Unterscheidung von Spielstilen, Formulierung passender, wissenschaftlicher Nomenklatur.

3. Feinstruktur, multigaming Konzepte, Gruppendynamische Entwicklung.

Damit kann man dann anfangen sich an dieses Thema zu wagen.

Mit freundlichen Grüßen…

P.S.: Vielleicht erweitere ich diesen Artikel noch, wenn aber mit Bedacht.