Je mehr Festivals veranstaltet werden, desto mehr gleichen sie einander. Überall stehen dieselben Schlangen vor den WCs, schwebt derselbe Rauch von Feuern, Grills und Joints über dem Gelände, riecht es nach Schweiß, Bier und Curry, brutzelt die Sonne auf die Köpfe oder schüttet es vom Himmel. Überall sieht man die Herumtorkelnden und die Begeisterten und ihre wilde Entschlossenheit, Spaß zu haben.
Und doch gibt es kaum schönere Orte, um Musik zu hören, als auf den besten Musikfestivals des Landes. Ob es die frische Landluft auf dem WOA ist, die staubige Rollbahn des WFF, das römische Amphitheater auf dem RockHard Festival, oder, oder, oder.
Trotzdem sollte man vorgewarnt sein und einige Dinge wissen und drüber lächeln, andere hingegen beherzigen.
Atmosphäre: Musik auf einem freien Feld unter dem Sternenhimmel, von einer begeisterten Menge gefeiert, hell beleuchtete Stände – ja, das ist sehr schön.
Badge: Ein umgehängtes Stück Plastik mit einem Foto drauf. Gibt Journalisten, Sponsoren und anderen für wichtig gehaltenen Leuten das Gefühl, für wichtig gehalten zu werden.
Bändsel: Stellen sicher, dass alle bezahlt haben; die jeweilige Farbe gibt Aufschluss über das Durchhaltevermögen des Trägers und sein Alter.
Dezibel: Aus gesundheitlichen Gründen wird die Lautstärke der Musik beschränkt, was den Vorteil hat, dass man die Musik auch ohne Ohrstöpsel hören kann. Manche Konzerte sind so aber auch verdammt zu leise. Metal ist laute Musik, keine Lautenmusik.
Drogen: Vor allem im Süden Deutschlands. Anderswo hat die Polizei meist Besseres zu tun. Trotzdem sollte man nicht so debil sein und stark kiffend und kichernd in die Zollkontrolle fahren. Die wichtigste Droge bleibt der Alkohol, der auf offenem Gelände beworben wird, also nicht als Droge gilt.
Entdeckungen: Immer wieder hört man unverbrauchte, hoch motivierte und brillant aufspielende junge Bands, die im kleinen Zelt auftreten. Jahre später sieht man sie auf der großen Bühne und denkt wehmütig ans Zelt zurück.
Essen: Erweist sich oft vielfältiger als die musikalische Auswahl, birgt die Gefahr von Überraschungsbesuchern wie E-coli Bakterien und ähnlichem Kroppzeug.
Grillen: Siehe Krieg
Handy: Früher streckten die Leute das Feuerzeug in die Luft, wenn vorne eine Mollballade angeschoben wurde, heute sieht man die leuchtenden Displays ihrer Mobiltelefone. Die Flammen sahen schöner aus, dafür kann man jetzt Bilder machen.
Helfer: Sie sammeln den Abfall ein, helfen mit Auskünften, bauen auf und wieder ab, schuften gratis oder für wenig Lohn. Verdammt wichtiger Scheißjob!
Klatscht in die Hände: Die rhythmische Aktivierung der Handflächen geht als Ekstasetechnik auf die afrikanischen Stammestänze zurück. Und hat sich als Reaktionsform etabliert, mit der sich Musiker vom Publikum loben lassen. Applaus für alle, die darauf verzichten. Zum Auftakt, wie zu dem Zeitpunkt, wo Klatschen nicht mehr geht, ist Pommesgabel!
Kommerz: Alles was Geld verdient und außerhalb von 3 Insidern bekannt ist, gehört verboten!
Krieg: Wie Sommerschlussverkauf und Vietnam zusammen, bloß schlimmer!
Kultband: Keine Sekte mit Gitarre, sondern eine Gruppe, die so bekannt ist, dass alle über sie schreiben und reden, aber nicht so erfolgreich, dass sie auf der Hauptbühne spielen darf. Kultbands die auf der Hauptbühne spielen sind hingegen Kommerz!
Musik: Früher der Grund und heute der Anlass, warum alle hingehen. Oft genug ein rhythmisches Dröhnen, das Kopfweh macht. Dann aber tritt die eine Band auf, und man vergisst alles Schlechte das man zuvor gehört hat.
Musikjournalisten: Neigen zu gewagten Metaphern, zu Hauruck-Begriffen wie «Klampfe» oder «Frontmann» und Anglizismen wie «upgespaced», «hochgehypt», «neue Acts» und vor allem «TRUE». Bei der Lektüre mancher Texte denkt man, die Kollegen wären bei der Werbung besser aufgehoben oder das eine Therapie für Legastheniker helfen könnte.
Papp- & Plastikbecher: Festivals brauchen riesige Mengen Strom, ihre Besucher hinterlassen Berge von Abfall.
Playback: Manchmal kommt gleich alles ab Band. Manchmal sind es die Chöre und andere Details. «Live» ist ein sehr relatives Attribut geworden.
Pommesgabel:

Programm: Für jede wichtige, angesagte oder neu zu entdeckende Band muss das Publikum ein Vielfaches an weniger Begabten überstehen. Das hat auch damit zu tun, dass Plattenfirmen den Auftritt ihrer besten Künstler an die Bedingung knüpfen, dass andere Bands, die sie vertreten, ebenfalls spielen dürfen.
Publikum: Der wahre Star der Festivals. Egal, wie widrig die Umstände sein mögen, lassen sich die Leute nicht unterkriegen. Ihr Optimismus und ihre Geduld scheinen grenzenlos, Ausfälligkeiten bleiben selten. Friede und Freude nicht als Klischee, sondern als Haltung.
Regen: Siehe Schlamm.
Roadies: Muskulöse Männer mit einem seltsamen Kleider- und Tattoogeschmack, ohne die jede Bühne leer bliebe.
Schlamm: Siehe Regen.
Schlange stehen: Vor den Eingängen, Essensständen und WCs. Mühsam und unvermeidlich. Ehemalige Bürger der DDR sind im Vorteil.
Skandale: Auch sie gehören zu den Festivals. Gruppen wie Guns N‘Roses, die ihr Konzert nach zehn Minuten ohne nachvollziehbaren Grund abbrechen oder erst gar nicht auftauchen, Tom Angelripper von Sodom oder Pete Steele von Type O‘ Negative, die dermaßen verladen auf die Bühne taumeln, dass sie kaum ein Wort hervorbringen. Bei vielen Auftritten besteht der Skandal darin, dass sie überhaupt stattfinden.
Toiletten: Siehe Krieg
T-Shirts: Das Festival als Catwalk! Tshirts sollten wohl geplant gewählt werden! Zu Mainstream ist untrue, zu Undergroundkennt keine Sau, manche Bandlogos trägt man nun mal einfach nicht auf einem T-Shirt spazieren!
Underground: Die hartnäckige Vorstellung, es gebe innerhalb des Rockgeschäfts eine Verweigerung, die über einen 5/4-Takt und erhobene Fäuste hinausgeht. Pragmatiker übersetzen «Underground» mit: «Eine Band, die keiner kennt.» Am besten sagte es Kit Lampert, der erste Manager der Who: «Underground is just another word for money.»
Veranstalter: Sich ewig jung gebende, meistens aber schon etwas faltige Männer, die mit dem Handy in der Hand herum hetzen und das Meiste verpassen, das sie mit veranstaltet haben.
VIP: Very Important Person, eine Erfindung der Werbebranche für Sponsoren, lokale Größen samt Gattinnen bzw. Gatten. Wer als VIP angesprochen wird, kann definitionsgemäß keine sein.
Woodstock: Die Mutter aller Openair-Festivals, im August 1969 bei New York und vor einer halben Million Menschen abgehalten und zugleich Beginn ihrer Kommerzialisierung. Woodstock ließ Wallstreet realisieren, dass mit den Hunderttausenden ungewaschener Typen im Publikum Millionen zu machen sind. Das Festival selbst, nach kurzer Zeit zum Notstandsgebiet erklärt, ging knapp an einer Katastrophe vorbei. Erst mit dem dreistündigen Film von Michael Wadleigh wurde «Woodstock» draus.
Zelte: Für Junge unvergesslich, auch wenn man kaum zum Schlafen kommt. Anderen eher abzuraten.
Zugabe: Eingeplante Belohnung. Bei guten Konzerten der Höhepunkt.