„Manchester Workout“

In der Kybernetik bezeichnet Selbstregulation die Fähigkeit eines Systems, sich durch Rückkopplung selbst innerhalb gewisser Grenzen in einem stabilen Zustand zu halten. In der Wirtschaft hat man den Satzteil „innerhalb gewisser Grenzen“ einfach mal ignoriert und nebenbei vergessen, dass es ein Perpetuum Mobile nicht gibt. Immer wieder wird von der Selbstregulierung des Marktes geredet und staatliche Intervention mit Kommunismus gleichgesetzt. Der Markt schafft das schon von alleine. Im Grunde denken Anhänger der Theorie des sich selbstregulierenden Marktes immer noch an den guten alten Wochenmarkt, wie er jeden Samstag auf dem Dorfplatz von Kleinkrampen an der Wurz stattfindet, wo der „ehrliche“ Bauer sein harterarbeitetes Gemüse und seine hartgekochten Eier feilbietet.

Nur gibt es auf diesem Markt keine Finanzinvestoren. Es gibt keinen Aktienhandel. Auf unserem kleinen Dorfmarkt, den die Eierpreise vom Nachbardorf nicht kümmern, gibt es keine marktbezogenen OTC-Derivate[das OTC steht für “over the counter„. OTC-Derivate sind also Derivate die nicht an der Börse, sondern direkt „über den Schalter“ gehandelt werden und demzufolge auch nicht standardisiert sind], deren Kapitalisierung bereits das 10x des jährlichen Bruttosozialprodukts aller Marktteilnehmer betragen und so windig wie nur irgendwas sind. Es gibt keine Ponzis mit ihren Schneeballsystemen, denen die Dorf-Ökonomie gerade mal am Allerwertesten vorbeigeht. Die Marktteilnehmer stehen in direkter Konkurrenz zueinander und sind im „Zeitalter der Globalisierung“ darauf angewiesen, jeden noch so kleinen Vorteil vor der Konkurrenz auszunutzen.

Die Logik der Selbstregulierung entspricht dabei der Hoffnung, ein Kaninchenpaar in ein Haifischbecken zu werfen und darauf zu hoffen, dass sich ein ökologisch stabiles Gleichgewicht zwischen Haien und Kaninchenpopulation einstellen wird, indem die Haie geschlossen zum Buddhismus konvertieren. Selbstregulierung des Marktes, wo hat das eigentlich jemals geklappt? Beim Dosenpfand? FSK? Aktienmarkt? Finanzmarkt? Arbeitsmarkt? Globalisierung? Keines dieser Themen ist in den letzten 12 Monaten nicht negativ durch die Schlagzeilen gegeistert. Und immer noch wird die große „Selbstregulierung“ gepredigt, als seien in der Kybernetik seit 2000 Jahren keine Fortschritte gemacht worden. Wenn sich ein System irgendwann selbst vernichtet, ist dies ein durchaus mögliches Szenario für das Ende eines selbstregulierten Systems. Ein umgekippter See, die globale Erwärmung, die Enron-Pleite, der Nationalsozialismus am Ende der Weimarer Republik, das sind alles Auswirkungen von zusammenbrechenden Systemen, die sich nicht mehr selbst regulieren konnten. Es liegt an uns, in diese System einzugreifen und die entsprechenden Regelgrößen zu verändern, damit es nicht zu einer Katastrophe kommt. Unsere „Eliten“ sind durch die Komplexität der Aufgaben sichtbar überfordert und reagieren zunehmend mit Zynismus auf die zutage tretenden Fehlfunktionen in Sozialsystemen und Märkten. Wir haben keine Zeit für Casino-Spielchen, bei denen wir darauf hoffen dürfen, dass die Bank nicht falsch spielen wird. Der Glaube an die Selbstregulierung des Marktes ist eine Religion, die von ihren Untertanen Schicksalsergebenheit verlangt. Alles ist des Marktes Wunsch. Der Markt ist Gott. Und im Jenseits wird uns die Belohnung zuteil, wenn wir stets artig sind und die Gebote dieses Gottes befolgen. Noch eine Religion, die mich mal kreuzweise kann. Amen!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter imperiale Politik, verbale Diarrhoe abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu „Manchester Workout“

  1. Florian Krieger schreibt:

    Amen bzw *Faust hoch* !

    …und danke für:
    *…Kaninchenpopulation einstellen wird, indem die Haie geschlossen zum Buddhismus konvertieren*
    :-))

  2. Pingback: “Mein kleines Magengeschwür” « sirdoom’s bad company Weblog

  3. Pingback: “Alle Schäfchen ins Trockene…” « sirdoom’s bad company Weblog

  4. Pingback: “Durchmarsch” « sirdoom’s bad company Weblog

  5. Pingback: “Wirtschaftsterrorismus” |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s