„Time Warp“

In letzter Zeit wurde sich des Öfteren [sic!/neue deutsche Rechtschreibung] über die Generation Porno aufgregt, die nur Sex, keine Liebe kennt und die Turnübungen aus Pornos übernimmt. Irgendwie beschlich mich ein Déjà-vu bei der ganzen Sache, denn ich war mir sicher diese Aussagen nicht erst 2008/2009 gehört zu haben. Überascht musste ich feststellen, dass ich gar nicht so weit in die Vergangenheit zurückgehen musste. 

Die 16jährige Linda hat sich bis heute zehn Pornos angeschaut, auf Video zu Hause. An jedem Kiosk blickt sie auf ein paar Dutzend nackter Brüste ­ wenn sie noch hingucken würde.

Wenn Linda den Fernseher einschaltet, laufen Sendungen mit Themen wie „Ein Mann stöhnt nicht beim Sex“ ­ „Ich bin ihm hörig“ ­ „Liebe und Triebe: Wenn Lust alles ist“ ­ „Baby, glaub mir, so ist Sex am schönsten“ ­ „Fett in Strapsen macht mich an“ ­ „Sex ist mein Hobby“.“

„[…]Edmund Stoiber etwa beunruhigt es, daß 16jährige wie Linda sich im Fernsehen mühelos in Sex-Debatten einzappen können: „Ich bin empört über die Schweinereien am hellen Nachmittag“, kritisierte er und warf […] und ihren Moderatoren-Kollegen vor, die Jugend zu verderben. Das Weltbild der christlichen Bedenkenträger: Mit zehn wüßten Teenager bereits alles über Sex, mit elf hätten sie sehr viel davon selbst ausprobiert, und mit zwölf würden die ersten anfangen, ihre Klassenkameradinnen zu vergewaltigen.

Aus welchem Jahr könnten diese Zitate eines SPIEGEL-Artikels wohl sein? 2005? 2002? Nein, der Spiegel Artikel[hier vollständig einsehbar] ist aus dem SPIEGEL 50/1998. Die Gesamtentwicklung kann jetzt also nicht allzu überraschend gewesen sein, oder? Bei Gelegenheit könnte man übrigens ganz ähnlich klingende Beispiele aus den Jahren 1988, 1978 oder 1968 bringen, wobei ich etwas enttäuscht bin, das Abendland ist immer noch nicht untergegangen…

Dieser Beitrag wurde unter Kunst&Kultur, verbale Diarrhoe veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Time Warp“

  1. wusselpompf schreibt:

    dazu möchte ich gerne ein Zitat von Erich Kästner aus einer anhörung vorm Dt.Bundestag zum damaligen Jugenschutzgesetz anbringen:

    „Wenn’s schon nicht gelingt, die tatsächlichen Probleme zu lösen, die Arbeitslosigkeit, die Flüchtlingsfrage, die Steuerreform, dann löst man geschwind ein Scheinproblem. Hokuspokus – endlich ein Gesetz! Endlich ist die Jugend gerettet! Endlich können sich die armen Kleinen am Kiosk keine Aktphotos mehr kaufen und bringen das Geld zur Sparkasse.“

    und das war… 1950 8)

  2. sirdoom schreibt:

    Treffend, aber gelernt hat keiner der Verantwortlichen was draus, oder? 😉

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