„Pourquoi?“

Eine echte Demokratie hat es nie gegeben und wird es sie auch niemals geben, denn es verstößt gegen die natürliche Ordnung, dass die Mehrheit regiert und die Minderheit  regiert wird. Es ist nicht denkbar, dass das Volk unaufhörlich versammelt bleibe, um sich den Regierungsgeschäften  zu widmen, und es ist leicht ersichtlich, dass es hierzu keine Ausschlüsse einsetzen kann, ohne die Form der Verwaltung zu ändern.“ – Vom Gesellschaftsvertrag, Band III, Kapitel 4; Rousseau 1986, S. 72

Jean-Jaques hatte leider keinerlei Ahnung von den technischen Errungenschaften unserer Zeit, aber dazu später. Nehmen wir erst mal einige Anpassungen an die Zustände der Bundesrepublik Deutschland vor.

Der gemeinschaftliche Wille eines Gesellschaftsvertrags, der eine klare und eindeutige Richtung dessen vorgibt, was für eine Gesellschaft gewünscht wird und angebracht wäre, verträgt sich in keinerlei Weise mit einer repräsentativen Parteien-Oligarchie, die sich als Demokratie tarnt. Charles de Secondat, Baron de Montesquieu, würde hierbei natürlich anführen, dass es im Endeffekt egal ist wie viele Menschen zu den Regierenden gehören, solange es Gewaltenteilung und Gesetze gibt, an die sich alle halten müssen. So viel zum Unterschied zwischen aufklärerischem Philosoph und dem Staatstheoretiker unter Zensorenaufsicht.

Rousseau schreibt in der Vorstellung einer vollendeten Aufklärung, einem abgeschlossenen individuellen wie gesellschaftlichen Emanzipationsprozess, bei dem Autoritäten und Glauben kritisch hinterfragt werden und man sich „seines eigenen Verstandes bedient„. Der Mensch ist hier nicht mehr an die Vorgaben der Obrigkeiten oder Zwänge von Mode und Zeitgeist gebunden, sondern führt sein Leben und Denken selbstbestimmt.

Hier liegt der Kern dessen, warum Aufklärung, Verstand und Vernunft seit jeher von allen herrschenden Klassen bekämpft wurden, ob nun mit Feuer und Schwert oder mit Streichung der letzten verbliebenen zwei Wochenunterrichtsstunden zu diesem Thema am Gymnasium. Seit den Tagen Rousseaus hat der Mensch die Atombombe erfunden und ist auf dem Mond gelandet und trotzdem breitet sich religiöser Fanatismus und die Akzeptanz von Folter, Todesstrafe und eine neue Form des Moralitäts- und Gedankenverbrechens aus. Auf eigentlich recht komische Art könnte die Masseträgheit der katholischen Kirche diese in eine neue Zeit des geistigen Abstiegs retten, bevor sie an ihren Sünden zerbricht. Aber zurück zum Thema.

Warum? Sollte nicht mit Ende des Kalten Krieges, dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem Sieg der „Freiheit“ ein neues und „sicheres“ Kapitel der Menschheit beginnen? Sollte nicht der technische Fortschritt Vertrauen auf eine noch bessere Zukunft wecken?

Und hier erreichen wir den Ereignishorizont des 21. Jahrhunderts, der als Wendepunkt in die Geschichtsbücher eingehen wird, wenn es denn später noch welche geben sollte. Das Internet und die daraus resultierende Philosophie der allgegenwärtigen Vernetzung bedeutet Triumph und Untergang zugleich. Nie war Wissen für alle zugänglicher, der freie Austausch von Gedanken über alle Religionen und Staaten hinweg einfacher, gar instantan, alle bisherigen Regeln über Bord werfend. Damit sind wir bei der Angst und ängstliche Menschen sind gefährlich.

Erst im 21. Jahrhundert wird den Menschen bewusst, dass mit Ende des Kalten Krieges eine neue Form des andauernden und allgegenwärtigen Krieges Einzug erhalten hat. Krieg im Sinne von Terror kann überall und zu jeder Zeit auftreten. Dazu kommt die Tatsache, dass ein Großteil der Menschheit die Technologien, durch die unsere Gesellschaft am Leben erhalten wird, gar nicht mehr versteht. Und mit Einzug von Nanotechnologie und anderen exotischen Wissensgebieten nähert sich dies der „Magie“ an. Und Magie ist entweder ein Wunder Gottes oder Satans Hexerei.

Man hat also folgende Situation: Eine Masse von Menschen, unberührt von geistiger Aufklärung, entwurzelt von bisher geltenden Regeln und hilflos unverständlicher Magie unterworfen, wendet sich hilfesuchend an die noch verbliebenen Institutionen, die ihnen bekannt sind. Institutionen, die im Angesicht des Wandels keinerlei Ahnung haben, wie den Herausforderungen zu begegnen ist, diese meist nicht mal verstehen und somit in der einzigen ihnen bekannten und aus ihrer Sicht bewährten Möglichkeit reagieren: Repressionen.  Der Zulauf bei religiösen Spinnern, die möglichst viele, strenge und archaische Regeln haben ist nur ein Beispiel von vielen.

Im Angesicht ihrer Angst, sammeln sich die Menschen unter dem Schirm der Ignoranz und Verdrängung und wenn das Wasser durch den Schirm tropft, wird Regen verboten.

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