„Unwürdig“

Kommentar zur Bundespräsidentenwahl vom 30. Juni 2010

Und wieder ein unwürdiges Spektakel, welches jeden Glauben an die Demokratie weiter erodiert. Die CDSU schickt den klerikal-radikalen und tapferen Parteisoldaten Christian Wulff(siehe ProChrist&co) ins Rennen, die SPD/Grünen nominieren zweckorientiert Joachim Gauck und die Linke ist dagegen.

Ich bin eigentlich kein wirklicher Fan von Joachim Gauck, denn viele seiner Ansichten sind nicht meine und ich so ganz trauen tue ich einem ehemaligen Pastor auch nicht, aber in Anbetracht der Alternative bin ich gerne bereit dies hintenanzustellen, auch weil Joachim Gauck wirklich ein Bundespräsident aller Deutschen hätte werden können.

Und damit kommen wir zur Wahl…

Die Linkspartei hatte die einmalige Gelegenheit zu beweisen, dass sie kein Sanatorium für alte Stasi-Kader ist, nicht in der Vergangenheit lebt, für Aufklärung ist und endlich regierungsfähig ist und in die Zukunft schaut. Man bekam den Eindruck, die Linke will dies gar nicht. Erbärmlich.

Bei der FDP fragt man sich übrigens wie aufrechte Liberale Wulff statt Gauck wählen können, was mir ein totales Rätsel ist. Andererseits, aufrechte Liberale haben es ja auch mit den Bürgerrechten und da kann man der FDP ja auch nicht vorwerfen sich außer drei Wochen vor einer Wahl drum zu kümmern…

Die SPD/Grünen kicherten sich eins, ob ihres Coups und die CDSU/FDP  war am rumheulen, ob der Gefahr für Kanzlerschaft und der Möglichkeit eines nicht gleichgeschalteten Bundespräsidentenamtes.

Es wurde viel über die Würde dieses Amtes gesprochen, aber wie üblich haben genau die, die diesen Begriff am häufigsten in den Mund genommen haben, eifrig dafür gesorgt, diese „Würde“ zu beschädigen.

Es gibt viele Pseudoargumente gegen die Direktwahl des Bundespräsidenten, wie „schwächt die Parteiendemokratie Deutschlands„, „legitimiert den einen starken Mann“ und notfalls die Nazikeule, wo doch gerade da die Parteien – bis auf ausnahmsweise mal die SPD – die Klappe halten sollten.  Warum nominieren nicht einfach die Parteien des Bundestages ihre Kandidaten und darüber stimmt das Volk ab. Mehr Demokratie, keine ausufernden Wahlkämpfe und abartiges Geschachere in letzter Sekunde. Das Bild des Bundespräsidenten ist eh dabei sich zu wandeln! Christian Wulff wird diesen Wandel verzögern und für weiteres politisches Desinteresse sorgen, aber aufhalten wird er ihn nicht und wenn es dann knallt, dann richtig, dann wird nämlich am Ende genau das passieren, was man immer befürchtet hat(s.o.).

Einen – auf den ersten Blick – positives Ergebnis hat dieser Tag: Christian Wulff ist nicht mehr „mein“ Ministerpräsident und wird wohl auch niemals Bundeskanzler. Wenn man sich dann aber die Kandidaten für seine Nachfolge in Niedersachsen anschaut, dann graust es einen schon wieder…

unwürdig

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3 Antworten zu „Unwürdig“

  1. Kathe schreibt:

    Was die änderung des Wahlmodus hin zu einer Direktwahl angeht (gerade mit dem von Dir vorgeschlagenen Modus): Da wäre ich auf jeden Fall dafür. – Nur bitte nicht mit einer anderen Wahl zusammenlegen… (ich mach regelmäßig Wahlhelfer, und würde ungern auf die Chance ein zusätzliches Mal Wahlhelfergeld zu bekommen, verzichten…).

    Weil du Postenschacher ansprichst: Die schönsten Beispiele dafür waren ja wohl die Wahlen Deutscher Kaiser durch die Kurfürsten und die Papstwahlen im späten Mittelalter. Da wurden dann solch „integre“ Kandidaten gewählt wie der Vater Cesare und Lucrezia Borgias der als Papst den Namen Alexander führte (k. A. welche Nummer) – Ich empfehle hierzu (speziell was die Kaiserwahlen und den Stimmenkauf dabei angeht) als Lektüre auch den Roman „Kauf dir einen Kaiser“ über die Fugger-Familie/-Dynastie.

  2. Eismann schreibt:

    Historische Romane sind böse. Und Königswahlen haben weniger mit Demokratie als mit bestätigendem Ritual zu tun. Das war aber auch schon den Zeitgenossen klar.

  3. Kathe schreibt:

    Punkt zwei hast Du völlig recht, Eismann. – Was Punkt eins angeht: wieso? – Der von mir genannte Titel ist ja keine Geschichtsklitterung a la von Däniken, und auch nichts vom Kaliber „Illuminati“ oder der „Name der Rose“.

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