„Braindead 21“

Schon seit einiger Zeit tobt jetzt der langsam eskalierende Protest gegen das zukünftige Milliardengrab Stuttgart 21. Böse Zungen behaupten ja, der eigentlich Titel des Projektes ist eigentlich „Elbphilharmonie in teuer„. Nachdem dias Projekt jahrelang in stillen Kämmerlein durch allerlei Instanzen getrieben wurde und hier ein Aufsichtsratsposten und ein Sponsoring verteilt wurden, hat der eigentlich Gang in die Öffentlichkeit bei der Kommunalwahl 2009 für eine 54%ige Ablehnung des Projektes gesorgt, bevor bekannt wurde, wie tief das Milliardengrab wirklich ist, obwohl man dies natürlich immer noch nicht genau abschätzen kann. Tiefer geht schließlich immer.

Da nun alle Heimlichtuerei nichts gebracht hat und die blöden Demonstranten einfach nicht aus der Presse verschwinden wollen, platzt manchem Befürworter langsam der Kragen. Der katholische Innenminister des Landes Baden-Württemberg und zugleich Landesbeauftragter für Vertriebene, Flüchtlinge und Aussiedler, Heribert Rech, der sich auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden ausgezeichnet hat, steht auch hier wieder an vorderster Front:

Das habe nichts mehr mit demokratischem Protest zu tun, hier würden die Grenzen eindeutig überschritten. Die Gegner sollen die demokratischen Entscheidungen zum Bau des Bahnhofs akzeptieren und erkennen, dass ihr Protest viel zu spät komme, Unfrieden und Zwietracht säe. Sie handelten „in höchstem Maß unredlich“ und weckten falsche Erwartungen. Die Proteste seien in dieser Form und Schärfe unangemessen.

Übersetzung: „Ihr verdammten Schweine, hört mit euren zivilen Ungehorsam auf und verhaltet euch wieder wie fügsame Bananenrepublikbewohner. Wir ziehen den Scheiß auf jeden Fall durch, egal was ihr macht. Zu viele Politiker haben die Belohnungen aus dem Milliardenpott für das Projekt schon längst in die Finanzierung ihrer Immobilien und Autos eingeplant. Und nicht vergessen, wer anderer Meinung ist, oder gar Fakten haben will, sät Zwietracht. Früher hat man solches Pack für den gesunden Volksfrieden einfach beiseite geschafft, jawollja!“

Die Umwelt- und mittlerweile auch Verkehrsministerin Tanja Gönner, die ebenfalls ein Händchen für den Umgang mit Großkonzernen wie z.B. EnBW hat, ist da lieber gleich im Urlaub geblieben, der Angstschweiss bei Interviews wurde ihr anscheinend zu gefährlich. Nichts anderes erwartet man von einem Oettinger-Gewächs.

All diese Ereignisse zeigen auch die Angst und Ratlosigkeit der Politiker. Man wünscht sich nichts sehnlicher herbei, als eine gewaltätige Eskalation der Geschehnisse, da man nicht weiß, wie man mit dem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, die über alle Grenzen hinweg am protestieren sind, umgehen soll. Strickende Rentnerinnen, dynamische Jungmanager in Schlips und Anzug, Businessladies im Kostüm und Familien mit Kindern lassen sich eben nicht mal einfach so vor laufenden Kameras von der Straße prügeln.

Dabei haben unsere Eliten noch nicht mal das schlimmste Szenario eingeplant. Liebe Politiker, stellt euch doch mal vor, dass sich die Protestbewegung sich vom Projekt Stuttgart 21 loslöst und zu einer allgemeinen Bewegung gegen den Filz und die Korruption in Baden-Württemberg wird. Autschi, was?

P.S.: Polizei in schwarzen Krötenpanzern weckt imho unangenehme Assoziationen…

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6 Antworten zu „Braindead 21“

  1. politur schreibt:

    … dass der Baustil des Nationalsozialismus wieder chic wird, weckt ebenfalls Assoziationen…

  2. sirdoom schreibt:

    Da der Stuttgarter Hauptbahnhof 1922 fertigestellt wurde, ist Nazi-Chic da wohl nicht so ganz richtig, auch wenn Paul Bonatz den gebaut hat, dem man allerdings abgesehen vom damaligen Namen des Daimler-Benz-Stadions und den Brückenbauten, die natürlich im Rahmen des Autobahn-Programms finanziert wurden, nicht wirklich viel vorwerfen kann, oder irre ich mich da etwa?

    Wobei, es gibt ja auch Gründe warum offizielle Stellen immer gerne Reichstagsgebäude und nicht wie der Rest des Landes Reichstag sagt… 😉

  3. politur schreibt:

    Weniger das Baujahr (Fertigstellung 1928) als der Stil ist entscheidend. Bonatz hat den Baustil im Nationalsozialismus den Weg bereitet und auch mit geprägt.

    Man kann es drehen und wenden wie man will, Bonatz war ein Profiteur der NS-Zeit und bestenfalls ein Mitläufer. Er hat mit Albert Speer und Fritz Todt zusammengearbeitet und sollte für Hitler den Münchner Hauptbahnhof bauen, was dafür spricht, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof auch eine historischen Fan hatte. Ich finde die Relativierung von Beteiligten in der NS-Zeit bedenklich!

    Der Reichstag hat baulich absolut nichts mit der Architektur im Nationalsozialismus zu tun! Die Nationalsozialisten haben die Demokratie, für die das Gebäude stand abgelehnt und von seiner Zerstörung profitiert!

  4. sirdoom schreibt:

    Mea Culpa, der Bahnhof wurde zwar schon 1922 eröffnet, die Arbeiten allerdings erst 1928 beendet.

    Ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass der Stuttgarter Altbahnhof kein „Nazi-Chic“ ist. Die waren nicht für den Bau verantwortlich und auch nicht an der Macht. Dass dieser Stil später von den Nazis „angenommen“ wurde ist eine ganz andere Baustelle.

    Wie bereits erwähnt, hat Bonatz den Münchner HBH eben nicht gebaut.

    Die „Relativierung von beteiligten“ Mitläufern der Nazizeit ist nicht bedenklich, sondern im Zusammenhang lächerlich. Aktiv schuldige Altnazis sind nach dem Krieg in die CDU, die Justiz, Bundeswehr, BND, usw. gewandert und Teile der betroffenen Organisationen weigern sich noch heute da irgendein Problem zu sehen. Aber der Mitläufer-Architekt, der keine Menschenleben bedroht oder ausgelöscht hat ist „bedenklich„? Und die Gegner von Stuttgart 21 sind damit Naziliebhaber? Das ist doch Mumpitz!

    Und nebenbei ist es ein unsinniger Nebenkriegsschauplatz den man auch ziemlich direkt als Chewbacca-Verteidigung einordnen kann.

  5. Pingback: „Stuttgart 21 – High Noon“ « sirdoom’s bad company Weblog

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