„State of Emergency – Faktische Realität“

So etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gibt es nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.“ Oscar Wilde

Zur Zeit geht wieder das Schreckgespenst „Internet“ um. Schlagzeilen im Zusammenhang mit den Anschlägen von Oslo, sprechen u.a. von „Der Terror aus dem Internet„. Als ob die ANFO-Bombe via Email versandt wurde und die Kugel Menschen über Facebook getötet hätten.

Wie ist das eigentlich früher gehandhabt worden? Wenn die Verschwörer in einer schummerigen Kneipe bei ein paar Bier saßen, feststellten, dass was getan werden musste und am nächsten Tag anfingen Menschen zu töten. „Tod durch Kneipe„? „Bier gefährlicher als gedacht„?

Schon der Buchdruck war ja – nach kirchlicher Lesart – der Untergang von Moral, Anstand und Sicherheit. Warum wurde dies nicht alles verboten? Oder warum ist man damit so grandios gescheitert?

Als Antwort kann ich nur anbieten, dass die Realität ab und an doch über die normative Kraft des Faktischen* siegt. Man sprengt nichts mit Emails in die Luft, sondern mit Sprengstoff. Kommunikation an sich ist niemals „böse„. Aber mit Argumenten ist es bei den Verfechtern von „Sicherheit“ noch nie weit her gewesen, egal aus welchem sonstigen politischen Lager sie kommen…

*Normative Kraft des Faktischen = Wenn Falsches durch ständigen Gebrauch im Alltag irgendwann „richtig“/Realität wird

Aber all die ficht natürlich auch unseren Innenminister Friedrich nicht an. Der fordert denn auch mal gleich das Ende der Anonymität im bösen Internet[Link]. Man kann dabei nicht immer reine Blödheit unterstellen. Warum Anonymität wichtig ist? Ein paar Beispiele:

– Die anonym verfasste Flugschrift Common Sense von Thomas Paine, einem der Gründerväter der USA, gab einen wichtigen Anstoß zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.
– Die Fama Fraternitatis(1614) und die Confessio Fraternitatis(1615) sind wichtige Grundlagen der Rosenkreuzer-Bewegungen und haben die europäische Geistesgeschichte nachhaltig geprägt.
– Der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte veröffentlichte seinen Versuch einer Kritik aller Offenbarung zunächst anonym.
– Die Sage von Johann Faust erschien im Jahr 1587 als anonymes Werk unter dem Titel Historia von D. Johann Fausten. Diese Geschichte lieferte später die Grundmotive für Goethes Faust.
– Auch Goethe veröffentliche einige seiner Werke anonym, z.B. die Römischen Elegien, die für die damalige Zeit etwas zu freizügig waren.

Die Liste ließe sich endlos fortführen und auch politisch erweitern, um z.B. Deep Throat und andere. Anonymität ist also keine Gefahr für die Gesellschaft, sondern eine Gefahr für Politiker, was ein kleiner aber entscheidender Unterschied ist. Klar muss sowas verboten werden…

Dieser Beitrag wurde unter imperiale Politik, verbale Diarrhoe veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu „State of Emergency – Faktische Realität“

  1. Sigismund Dijkstra schreibt:

    Ich weiß eh nicht, ab wann es anfing modern zu sein seinen echten Namen ins Netz zu stellen? Als ich anno dazumal mit einem 36k-Modem die ersten wackligen und vor allem langsamen Schritte im Web unternahm, wurde uns sogar in der Schule eingebläut, nie jemanden zu sagen wer wir wirklich sind und wo wir wohnen.
    Heute ist das anders. Millionen geben alles von sich im Internetz preis, egal obs nur der Name mit Adresse und gleich noch sämtlichen anderen Kontaktdaten ist, oder am Besten gleich noch die Bilder vom letzten Vollsuff, auf denen man nackt durch die Straßen lief und den kleinen Österreicher immitiert hat. Potentielle Arbeitgeber freuen sich … und wer wie ich klever genug ist nicht unter seinem realen Namen im Netz zu operieren, dem versauen dann Namensvetter mit leichter optischen Ähnlichkeit jedwede Chancen bei der Arbeitssuche. So ergiebt eine Suche nach meinem Realnament: 1. Treffer: Wikipedia, über meine anscheinlichen Nazi-Machenschaftenund und als 3. Treffer die die Info, dass ich scheinbar 3 Jahre auf Bewährung bekommen habe. Klasse!
    Aber nicht nur die Politiker fühlen sich sicherer, wenn ersteinmal alle sofort im Netz zu erkennen sind, auch die Industrie freut sich. War man auf einer Internetseite haben die nicht nur den Zähler der sich um eins erhöht, sondern auch die Info, dass ich mich scheinbar für ihrem Mist interessiere. Was liegt also näher mich mit Werbung zu bombardieren?
    Aber auch wer irgendwo was runterläd, was vielleicht Urheberrecht verletzen könnte, den hat man jetzt noch viel schneller bei den Eiern und diese parasitären Anwälte, die Abmahnungen im Dauerverfahren raushauen freuen sich ein neues Arschloch, weil sich ihre Arbeit plötzlich noch leichter erledigen läßt und jetzt der Anschlußinhaber nicht mal ansatzweise bestreiten kann, etwas Dummes gemacht zu haben.

    Ich freue mich, dies noch halbwegs anonym schreiben zu können:
    Das Internet ist das, was der wilde Westen früher einmal war, ein weites offenes Land, in dem jeder sich verwirklichen kann. Genau wie damals sollte sich aber auch die dort „lebene“ Gesellschaft vorbehalten mit eigener Justiz gegen Störenfriede und Kriminelle vorgehen zu können. Damals gab es Posses, quasi Vigilanten, die das Recht durchgesetzt haben. Das sollte es heute auch noch geben. Fähige Hacker sollten nicht ihre Zeit damit verschwenden das Internet immer weiter in Verruf zu bringen, sondern endlich etwas dagegen unternehmen.
    Kinderpornoseiten? Fackelt die Server ab, bis das letzte kranke Bildeaus de Netz verschwunden ist!
    Hackerangriffe auf Firmen? Kopfgeld kann helfen und wenn nicht, zeigt, dass ein paar Spinner nicht das Recht haben mit dem Leben – denn immerhin hängen an den geschädigten Firmen auch massenwese Arbeitsplätze – anderer zu spielen!
    Usw. usw. usw. …
    Tut jetzt etwas, eh es die verdammten Regierungen tun, denn denkt daran, für jemanden mit einem Hammer sieht jedes Problem wie ein Nagel aus …

  2. sirdoom schreibt:

    Du hast gerade einen weitere Gründe geliefert, warum Innenminister Friedrich das Internetz am liebsten ganz verbieten lassen würde*g*

  3. Sigismund Dijkstra schreibt:

    Du meinst meine vielen Rechtschreibfehler? 😉
    Ernsthaft, wann baust Du hier einen funktionierenden „Eintrag bearbeiten“-Button ein?

  4. cerbero schreibt:

    Sehr passend dazu die Frage von Malte Spitz (Grüne)

    „Warum dürfen CDU Spender eigentlich anonym bleiben, wenn Friedrich ansonsten „offenes Visier“ fordert?“
    Echte Anonymität ist eine Wunschvorstellung oder Wahnvorstellung der Politik, je nach Wahrnehmung. Auch ohne Vorratsdatenspeicherung und dem ganzen Terrorgesetzteterror klappt das im Internet spätestens mit IPv6 nicht mehr so einfach..

  5. sirdoom schreibt:

    Also ICH hab so einen Button, rechts neben dem Datum des Posts… Da kann man auch noch viel mehr machen, aber…*g*

  6. sirdoom schreibt:

    Spender sind aufrechte Bürger die Gutes tun – Geld an die richtigen Leute(Politiker) abdrücken. Die brauchen da keinen richtigen Namen angeben. Anonyme Politikbeobachter und Aktivisten sind im besten Fall wehrzersetzende Nazikommunisten, die einen „regime change“ wollen. Deshalb ist Anonymität da böse.

    Komplette Anonymität gab es auch vorher schon nicht, aber zumindest einen gewissen Grundschutz. Anonymität war auch schon immer der Schutzschild von schwächeren Teilnehmern eines Regierungssystems und den Machthabern liegt es natürlich sehr am Herzen auch den letzten Rest von Pseudo-Waffengleichheit auszuschalten.

  7. Wallace schreibt:

    Das Internet ist doch auch absolut nicht anonym. Das ist ein Mythos der immer wieder gerne wiederholt wird. Unter’m Strich ist es genau so anonym wie das Leben Offline ja auch. Da trage ich ja auch kein Namensschild mit allen Eckdaten zu meiner Person offen durch die Gegend. Wenn ich also in der schmierigen Kneipe Terrorreden schwinge, dann bin ich dabei erst mal genau so anonym wie im Internet. Und der Staat hat im Internet genau so Möglichkeiten heraus zu finden wer ich bin, wie im Leben Offline auch. Wenn ich mir in beiden Fällen etwas Mühe geben, kann ich es entsprechend schwer machen. Aber so richtig Anonym? Am Arsch.

  8. Fastjack schreibt:

    Davon abgesehen, dass auch ich ein Verfechter der möglichen Anonymität im Inet bin, ist es tatsächlich so, dass in den Anfangszeiten mitnichten Anonymität im Inet herrschte. Damals zu Zeiten fester IP-Adressen konnen fast alle Server tatsächlich noch einer Person zugeordnet werden. Dies ändert sich erst mit dem rasch abnehmenden Adressenraum und der damit verbundenen Einführung der dynamischen IPs. Somit ist es eine Mär davon zu schwadronieren, dass das Netz „schon immer anonym“ war (selbst zu Zeiten der Mailboxnetzwerke war das nicht gegeben).

  9. sirdoom schreibt:

    Eigentlich müssten Terrorfahnder jedesmal ein Fass aufmachen, wenn Möchtegernterroristen in der Pampa den Rechner einschalten und ein Dschihad-Forum besuchen. Wenn die einfach ihr „Süppchen“ kochen würden, würden die niemandem auffallen, bis es BOOM macht.

  10. M schreibt:

    Wer sagt dir, dass die Fässer nicht regelmäßig aufgemacht werden?

  11. Sigismund Dijkstra schreibt:

    @Fastjack:
    Ich hab ja auch von meiner Jugend geredet, Alterchen, da sollte es schon dynamische IPs gegeben haben … ansonsten schieb ichs halt auf meine miserable schulische Ausbildung … 😉

  12. sirdoom schreibt:

    Behörde, da gibts nur befohlenes Saufen, keine spontanen Anzeichen von Party 😉

  13. Ben Teddy schreibt:

    Ob man im Internet genauso anonym ist, wie in der realen Welt, ist eher relativ, denn es gibt deutliche Unterschiede: Man erreicht hier viel mehr Leute. In der Kneipe erreicht man vielleicht 20 Leute, im Internet je nachdem wo und zu welchem Themengebiet man schreibt deutlich mehr. In der Kneipe könnte man, anders als beim Internet oder eine Buchveröffentlichung für seine Aussagen eins aufs Maul bekommen und man ist auch sonst sofort greifbar (außer man kann sich hinter einer großen Gruppe verstecken, die einem wohl gesonnen ist 😉 ).

    Hackerangriffe können vom Staat durchaus verfolgt und aufgedeckt werden, ein Beispiel ist der Paypal-Hackerangriff im Zusammenhang mit Wikileaks.

    Bücher wurden damals auch zensiert, siehe und manchmal dessen Autoren auch hingerichtet. Ich schätze mal, dass Bücher heutzutage einfach nicht mehr zu den Mainstreammedien gehören und dass man Leute nicht mehr wie früher durch ein Buch bewegen kann.

  14. XDragoon schreibt:

    Ich zappe einfach mal durch mein Phrasengedächtnis zum Thema Internet:

    „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“
    „Im Internet ist jeder anonym“
    „Raubmordkopierer“
    „Im Internet muss jeder mit Klarnamen erkennbar sein“
    „Ampeln werden nicht über das Internet gesteuert“
    „Das Internet darf kein bürgerrechtsfreier Raum sein“
    „Früher gab es statische IPs und damit konnte jeder klar identifiziert werden“
    „Hacker klimpern auf einer Tastatur herum und schon stürzen Flugzeuge ab und alle Ampeln schalten auf Rot“
    „Im Internet war jeder von Anfang an anonym“
    „Für den Betreiber einer Website ist es doch kein Problem herauszufinden, ob seine eigene Seite gesperrt wird. Wieso wollen Sie die Täter warnen dass gegen sie ermittelt wird?“
    „Hackerangriff auf USA“
    „Unsere Tür hat einen Twitter-Account“
    „Ich lege wert auf meine Privatsphäre im Netz“
    „Die Anonymität im Internet war ein Konstruktionsfehler“
    „Die Telekom hat 83 Tage gebraucht, meinen Internetanschluss freizuschalten“
    „If you can think of it, there’s porn of it“
    „Wer nichts zu verbergen hat…“
    „Ich will meiner Gang-Vergangenheit entfliehen“
    „Zensi-Zensa-Zensursula“
    „Flash Gordon Approaching“ <= wait – what?
    "Kassettenrekorder zerstören die Musikindustrie"
    "Wie hoch ist der Anteil der Kinderpornoindustrie am Bruttoinlandsprodukt?"

    http://xkcd.com/932/

    (Ich dürfte für jedes dieser Zitate sogar sehr schnell eine Quelle finden können – zumindest sinngemäß)

  15. sirdoom schreibt:

    Ich habe den Verdacht, dass das bei diesem gerne hysterisch gehandhabten Thema keinerlei Problem sein dürfte.

  16. Ben Teddy schreibt:

    Irgendwann, wenn die hälfte aller Staaten bankrott sind und die Menschen den Hungertod fürchten müssen, könnte mit Hilfe des freien Internet eine Revolution losgetreten werden, die die Welt noch nie zuvor gesehen hat. Wer Macht über das Internet hat, der hat Macht über die Menschheit. 😉

  17. XDragoon schreibt:

    Hungernde Menschen machen keine Revolutionen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.