„Post von Onkel Hellmut – Zum Wehrbericht 2011“

Da mir ja immer vorgehalten wird Meinungsimperialismus zu betreiben, habe ich mich mal um eine andere Sichtweise bemüht und mir einen von hoffentlich vielen Gastbeiträgen organisiert. Ein Gastbeitrag von Robert H. Anson

Am 24.01.2012 wurde durch den Wehrbeauftragten des Bundestages, Herrn Hellmut Königshaus, der 53. Jahresbericht veröffentlicht. Das Teil hat stramme 79 Seiten – wenn man dem Bundestag schon berichten muss, soll es ja auch schön ausschauen! Echter Inhalt findet sich allerdings auf gerade 38 Seiten – was schon eine kleine Überraschung ist. Wer hätte gedacht, dass es noch so viele Soldaten gibt, die mit dem Typ reden. Schließlich hatte sich der ehemalige Personaloffizier und Anwalt zunächst vor allem mit Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache beschäftigt – und dabei vor allem präzise gezeigt, dass er keine Ahnung hat. So forderte er deutsche Panzer für Afghanistan („Wer in das Kanonenrohr eines Leopard 2 schaut, überlegt sich zweimal, ob er eine deutsche Patrouille angreift.„), brachte sich mehrfach massiv gegen den damaligen IBUK(Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt) in Stellung – natürlich ergebnislos – und findet es nicht anprangernswert, dass während einer verteidigungspolitischen Debatte im Bundestag bei eintreffender Meldung vom Tod eines Soldaten kein angemessenes Gedenken stattfindet. Aber es ging ja um den Bericht!

post-von-onkel-hellmut-logoEin Klassiker seit 2000 ist die anstehende Überarbeitung der Vorschrift über das äußere Erscheinungsbild der Soldaten, interne Bezeichnung ZDv 37/10. Aber wenn man schon 7 Jahre bis zur Beschaffung von Wollmützen braucht, kann sowas schon 13 Jahre dauern. Falls sie, wie jetzt anlassbedingt versprochen, 2013 fertig wird. Solange es noch möglich ist, Dienstanzüge in unterschiedlichen Grautönen zu tragen, werden wir die Taliban schließlich nie besiegen. Eine Änderung der Regelungen zu Schmuck, Tätowierungen und Piercings wäre auch zwingend nötig, da mit dem Ende der Wehrpflicht die Armee nicht mehr einen Spiegel der Gesellschaft darstellt – zumindest des Teils mit einem BMI unter 30, der entweder Idealist ist oder mit seiner Ausbildung draußen keine Arbeit bekommt – sondern eine Freiwilligenarmee – deren Freiwillige Idealisten sind oder draußen keine Arbeit finden und der Einschränkung unterliegen, dass sie bitte nicht zu fett sein sollen (BMI unter 30). Und zahlenmäßig weniger, „Parole: Spindspiegel“ sozusagen. Allerdings steht ein Teil dieses Abbilds der Gesellschaft ungern früh am Morgen vor dem Spiegel und beendet daher vorzeitig den Wehrdienst. Aber unser Herr Königshaus zeigt da durchaus Verständnis und wird sich kümmern. Morgens beten die Taliban ja noch, also: Schwamm drüber, Jungs! An dem Tag, wo Vorgesetzte Eingaben an den Wehrbeauftragten bezüglich ihrer Untergebenen schreiben, wird Deutschland das Papier auf Jahre ausgehen. Ansonsten steht es aber gut um die Truppe und es gibt nur Kleinigkeiten zu vermelden.

Solange die 30 Leute, die in irgendeinem Depot am Arsch der Welt händisch die 227 Millionen über- und falsch gelagerte Patronen prüfen, nicht mal langsam einen Zahn zulegen, wird ein Teil der Handwaffenausbildung für den Einsatz per Broschüre durchgeführt. Ohne Munition ist auch viel sicherer, da die Einsatzärzte sich beim Behandeln von Patienten nicht allzu wohl fühlen. Weil sie oft vorher nicht wussten, wie so ein Patient denn nun genau aussieht. Von Schusswunden fangen wir mal lieber gar nicht erst an. Zumindest sind sie aber nicht umgefallen, weil sie kein Blut sehen können, was bei einer Armee im Einsatz jetzt auch nicht so häufig vorkommt. Gut, dass daher die finale Bewertung des Einsatzwertes direkt im Bundesmysterium der Verteidigung durchgeführt wird – Papier lügt schließlich nicht! Historische Parallelen bieten sich hier an: Schon vor Jahren konnte ein kluger General seine anvertrauten Soldaten vor dem Kältetod bewahren – indem er ihnen mitteilte, sie würden nur frieren, weil sie nicht wüssten, dass sie eigentlich gar nicht frieren! So schaut es aus, Kameraden!

Zu diesem stellt Herr Königshaus klar fest: „Zusammenfassend ist festzustellen, dass die seit Jahren festgestellten Mängel im Bereich der Ausrüstung eine Vielzahl von Ursachen haben.“ Nämlich mehrere Tausend überbezahlte und beratungsresistente Heckenpenner Personen im Bundesamt für Wehrbeschaffung. Nicht ganz, aber ähnlich beamtenhaft unfähige Primadonnen sind auch die Luftfahrzeugführer, vulgo Piloten. Die finden es nicht zumutbar, dass man Zulagen gestrichen bekommt, wenn man eine zulagenberechtigende Tätigkeit nicht mehr ausübt. Ist doch gar kein Unterschied, ob man in Afghanistan in ein Strahlflugzeug steigt und mit starker körperlicher Belastung Landschaftsaufnahmen macht – oder vom klimatisierten Container eine Drohne überwacht, während die ihren programmierten Kurs abfliegt! Aber auf Geld zu verzichten ist ja noch niemandem leichtgefallen. Und da es Stabsoffiziere sind, müssen sie sich da auch keine Sorgen mehr machen. „Man kümmert sich„.

Die üblichen Problemchen („Ich wurde beschimpft“ „Ich musste mich anstrengen“ „Mein Chef ist ein Depp“ „Ich hätte mich selbstständig um etwas kümmern müssen“ „Ich hab was vergessen / nicht zugehört und muss die Scheiße jetzt selbst ausbaden„) sind natürliche singuläre Probleme einer Armee und kommen in der zivilen Wirtschaft niemals vor. Ganz abgesehen davon, dass Menschen sich ja in ihrer gesamten, vor Wehrdienstbeginn ausgebildeten Persönlichkeitsstruktur vollständig ändern, sobald sie eine Uniform anhaben. Der Rest ist Behördenwahnsinn. Auch da gilt: Kommt woanders natürlich niemals nicht vor. Und die Moral von der Geschicht‘?

Königshaus empfindet mit, gibt zu bedenken und teilt die Befürchtung. Oh, anzumahnen ist natürlich einiges. Ganz klar. Gegen den Wehrbeauftragten ist der Bundespräsident Chuck Norris. Liegt aber auch am Parlament. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte…

Download:  53. Bericht des Wehrbeauftragten/2011

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13 Antworten zu „Post von Onkel Hellmut – Zum Wehrbericht 2011“

  1. sirdoom schreibt:

    Bei einer Sache gehe ich übrigens mit Hellmut d’accord, auch wenn ich nicht weiß, ob er es wirklich so meint, wie ich das meine. Auch wenn es im Gebiet der Bundeswehr nicht so wirklich sinnvoll erscheint(@Leo2), bin ich ein Anhänger der der alten Maxime „wenn, dann aber richtig“, sprich Pzhs, Leos, neue Pumas zum testen, Drohnen, Helikopter, genug Personal, von mir aus auch eine verdammte Fregatte, wenn man da ein Gewässer findet, wo die rein passt! Und wenn die Hälfte davon Symbolpolitik ist, die nur bedeutet „wir meinen das ernst“. Denn wenn wir da schon mitmachen, dann bitte auch richtig. Ich bin auch gegen einen schnellen Abzug, denn wenn wir schon mal vor Ort sind, dann müssen wir es auch zu Ende bringen, sprich nicht so schnell wie möglich wieder weg und in 10 Jahren haben wir das ganze Debakel noch mal, sondern so lange vor Ort bleiben, dass anständiges Nation Building möglich ist.

  2. XDragoon schreibt:

    Joa – die amerikanischen Besatzungstruppen sind ja beispielsweise auch noch nicht vollständig aus Deutschland abgezogen. Wenn auch demnächst wieder zwei Brigaden das Land verlassen und nur noch eine bleiben soll.

    Sorry für meinen Zynismus – aber ich habe mich gerade mit einer ziemlich bescheuerten und zu allem Überfluss auch noch zeitintensiven Arbeit für die Uni herumärgern müssen und bin darum ziemlich negativ gestimmt.

  3. XDragoon schreibt:

    Noch etwas zum Thema Leo2:
    http://www.spiegel.tv/filme/panzerfahrschule/
    (hat mir gerade ein Freund verlinkt)

  4. sirdoom schreibt:

    ^^na siehste, funktioniert doch, gab in letzter Zeit keine relevanten Naziaufstände und Offensiven der SS aus dem Hinterland. Mal abgesehen von der NSU und das ist echt eher im Bereich Polizeiarbeit anzusiedeln. 😉

  5. 3-6 schreibt:

    Stimmt, voll scheisse das die USA verhindert haben, dass wir von unseren sowjetischen Freunden befreit wurden.

    Die USA haben bis 89 50% der Verteidigungskosten in der NATO getragen, heute 75%. D.h. sie haben aktiv dafür gesorgt, dass wir (also die Deutschen im Westen) in Freiheit leben konnten! Wer da von Besatzung redet, hat schlicht ne Meise.

  6. sirdoom schreibt:

    Öhm, als nach WW2 waren das durchaus Besatzungstruppen. Dass dies im entstehenden Kalten Krieg dann eine andere Funktion hatte, ist eine andere Geschichte.

    Und wie das mit der NATO weitergehen soll ist auch so eine Sache. Wenn die USA weiter kürzen und die Euroländer in die Pflicht nehmen, sieht es erst mal ganz düster aus. Afaik schafft ja hier nicht mal ein einziges Land das Minimumziel von 2% des Haushalts für Verteidigung. Und wenn einem nach einer Woche die Munition ausgeht oder die erst gar nicht da ist…

  7. 3-6 schreibt:

    Doch: Frankreich, UK, Albanien und: die Griechen =)

  8. sirdoom schreibt:

    Die Griechen haben wir doch gerade noch freundlich „gebeten“ mit unseren Spendengeldern unsere Waffensysteme zu kaufen, oder?

    Ansonsten ist der 4er-Club da^^ zwar gut bewaffnet, aber bei der reinen Nennung der Staaten, würd ich mich jetzt nicht so gern einfach einreihen 😉

  9. XDragoon schreibt:

    Wenn das bei den Griechen so weitergeht, haben die bald einen Anteil der Ausgaben für Verteidigung am Gesamthaushalt von 200% ohne die Militärausgaben überhaupt erhöhen zu müssen.

    Die amerikanischen Truppen waren definitiv Besatzungstruppen und mit der zunehmenden Bedrohung durch Sowjetunion/Warschauer Pakt wurde es zur Doppelrolle von Besatzung und Schutz der marktfreiheitlich-kapitalistischen Welt Westeuropas. Die Franzosen waren ja gegen eine Wiederbewaffnung der Deutschen obwohl es den Haushalt aller anderen NATO-Staaten entlastete, als die Bundeswehr ihren Beitrag zur konventionellen Verteidigung leistete. Und als die USA durch die finanzielle Belastung des Vietnamkriegs unter den innenpolitischen Druck gerieten, Truppen aus Europa abzuziehen, waren es auch wieder die Franzosen, die dagegen plädierten, den Deutschen wieder eine stärkere militärische Rolle zu verschaffen und sich gegen einen Abzug der US-Truppen aussprachen. Die deutsche Bedrohung durch amerikanische Truppen gering zu halten war noch mindestens bis in die Kanzlerzeit Helmut Schmidts Teil der französischen Bündnispolitik.
    Mit dem Zerfall der Sowjetunion verfiel die Bedrohung aus dieser Richtung gegenüber Westeuropa natürlich nicht augenblicklich. Osteuropa war im Wandel und aus so einer Lage hätte es zu politischer Instabilität kommen können, die auch wieder die Sicherheit des Westens hätte gefährden können. Daher ist selbst für mich als von doomi so schubladisierten Kommunisten natürlich nachzuvollziehen, dass nicht sofort alle US-Truppen abgezogen sind. Aber inzwischen sind es nunmal zwei Jahrzehnte und mancher ehemalige Mitgliedsstaat des Warschauer Pakts ist heute Mitglied von NATO und/oder EU. Daher halte ich die heutige Truppenpräsenz der Amerikaner in der BRD definitiv für überholt an. Sie nutzt uns noch insofern, als dass die hier stationierten Soldaten Devisen im Land lassen – ich sage nur: Baumholder – aber vom militärischen Standpunkt betrachtet nutzt das nur noch den USA.

  10. sirdoom schreibt:

    Ich dachte eigentlich ich bin hier der Kommunist?

  11. XDragoon schreibt:

    Du hast mich selbst so bezeichnet.

  12. sirdoom schreibt:

    *sigh* Da ich schon als Kommunist bezeichnet werde, wenn ich auf das Thema Mindestlohn verweise, dann dachte ich es wäre klar, wie es gemeint ist, wenn ich dich als „Kommie-Ratte/Kommunist/Rote Socke“ tituliere. Betrachte es ansonsten als hiermit nachgeholt^^

  13. Cunningham schreibt:

    Was den Abzug von US-Truppen angeht, so ist was Militärstandorte angeht der deutsche Bürger eh betriebsblind. Mein Onkel und meine Tante sind in die Nähe von Kellinghusen in SH gezogen. Dort wurde auch gerade die Kaserne dicht gemacht.
    Was waren die Leute froh, dass die „dummen Bundies“ mit ihren schrecklichen Panzern abzogen.
    Dann waren die „dummen Bundies“ weg und blöder weise auch das Geld, was sie in den Geschäften ließen. Der Absatz verschiedener Kneipen brauch ein und trotz starker Investorensuche steht die ehemalige Kaserne immer noch ungenutzt rum… wooob-wooob-wooob

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