„Rechts der Realität“

Erika Steinbach(CDU) ist seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 1998 Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV). Sie ist auch Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und gehört dem Fraktionsvorstand an. Schon des Öfteren hat Frau Steinbach sich – um mal auf der rechtlich sicheren Seite zu bleiben – im Ton etwas vergriffen und für Irritationen gesorgt. So löste Steinbach mit einer als Relativierung des deutschen Überfalls auf Polen und der deutschen Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg aufgefassten Bemerkung Empörung aus („Polen hat bereits im März 1939 mobil gemacht!„). Von manchen wird sie als bürgerlich akzeptierter Arm der Geschichtsrevisionisten aufgefasst, die den Blick ausschließlich auf die – durchaus vorhandenen – Leiden der Vertriebene lenken und die NS-Zeit als unvermeidliches, geschichtliches Beiwerk abtun.

Nun hat Erika Steinbach wieder zugeschlagen. Über ihren Twitter-Account ließ sie verlauten: „Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE Deutsche ARBEITERPARTEI…

Damit ist dann die Geschichtsklitterung der Revisionisten und Rechtskonservativen – nicht neonazistischen Gruppierungen! – mal wieder in der Öffentlichkeit angekommen. Die These, dass irgendein Parteiname auch direkt was mit der politischen Ausrichtung zu tun hätte, kommt dabei häufiger von den Rechten. Gilt natürlich nur für die anderen, denn ansonsten wird es peinlich für die Christ-SozialeUnion. Die Diskussion ist auch nicht besonders neu. „Rotlackierte Faschisten“ waren schon immer ein Thema in rechten Kreisen und ein geschichtlich gerne gesehenes Stilmittel der Schuldumdeutung. Und natürlich ist der Nationalsozialismus keine linke Ideologie, auch wenn es partiell einige Überlappungen gab, so wie es sie überall gibt. Aber die Verordnung einer im Kern rassistischen, faschistischen, nationalen und antilibertären Partei im linken Spektrum ist politwissenschaftlich nicht haltbar. Deshalb ist Erika Steinbach auch vorerst zurückgerudert und spricht mittlerweile von einer „gezielten Provokation„. „Da habe ich die Linken richtig aufgescheucht, da sind die aus ihren Löchern gekrochen.“ Der einzige Haken daran: Mit diesem Schwachsinn hat sie auch jeden Liberalen, CDUler, Geschichts- und Politikwissenschaftler, usw. aufgescheucht. Aber am rechten Rand hat sie sicherlich einige Stimmen gutgemacht…

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16 Antworten zu „Rechts der Realität“

  1. 3-6 schreibt:

    Naja:
    – der 1. Mai als Tag der Arbeit wurde durch Hitler eingeführt
    – es gab staatlich finanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
    – die Löhne wurden gegen Schulden erhöht
    – es gab Wohnungsbaugesellschaften, Kraft durch Freude, Öffnung von Karrierewegen für die Arbeiterklasse
    – es gab Planwirtschaft

    Das ist linke Wirtschaftspolitik. Und Hitler waren Adelige und „Kapitalisten“ ein Greul, er wollte eine nivellierte Volksgemeinschaft schaffen.
    Von daher würde ich sicher nicht von einer konservativen oder rechten Partei sprechen.

    Am Einfachsten ist es sicherlich, die NSDAP als eine absolutistisch organisierte Gruppierung zu sehen, die eine rassistische Expansionsstrategie verfolgte. Hitlers Ziel war Krieg, Krieg, Krieg und wenn irgend möglich Krieg, um Land zu erobern. Und die Vernichtung von Bevölkerungsgruppen. Alles andere war Mittel, mehr nicht.

  2. TRNogger schreibt:

    Die sogenannten Experten die Front machen gegen Frau Steinbach – so sehr mir auch jeder nahe steht, der das tut – spinnen aber auch spannende Theorien. So argumentiert ja Heinrich August Winkler unter anderem, dass die NSDAP „die rechteste Partei von allen sei“, weil sie „antiliberal“ gewesen sei und „die Aufklärung radikal verneint“ habe. Also mit dem Argument kann ich auch die eine oder andere sozialistische/kommunistische Regierung der Kalter-Krieg-Ära zur rechten Partei erklären…

  3. sirdoom schreibt:

    Wie schon öfter erwähnt, ist das „Rechts-Links-Schema“ eigentlich recht beschränkt und verleitet zu Generalisierungen und ich selber benutze es eher ungern, sehe aber auch keine passende Möglichkeit ohne endlose Exkurse drumherumzukommen. Wobei da auch noch zwischen dem internationalen Modell und dem deutschen Modell zu unterscheiden wäre und… ich schweife ab…

    Wenn man sich dann aber innerhalb des verordneten Schemas bewegt, muss man sich auch an die Eckpfeiler des Schemas halten. Und da kann man folgendes festellen:

    – Die Nazis haben gegen Kommunisten, Sozialisten, LINKE usw. gekämpft und sie dann ins Lager gepackt.
    – Hitler kam nur mit der freundlichen Unterstützung der konservativen Eliten aus Militär, Banken und Konzernen an die Macht.
    – Sie führten einen Vernichtungskrieg gegen den Bolschewismus.
    – Führerkult, Autoritätsglauben, Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus…

    Die Anleihen linker Politik und fischen in der Unterschicht sind da eher Ausnahmen und dem Pragmatismus zuzuschreiben. Um die Sache noch verzwickter zu machen kann man nämlich ansonsten auch die CSU als linke Partei einordnen, Stichwort „katholische Soziallehre„. Oder die Grünen als Nazis, Stichwort Umweltschutz. Usw… Lenin wäre auch nicht erfreut, wenn man Stalins kommunistische Terrorherrschaft – bitte nach Gutdünken anteilig auf kommunistisch/terroristisch verteilen – als reinen Kommunismus bezeichnet…

  4. TRNogger schreibt:

    Das Argument „sie waren xyz, aus Pragmatismus und um Stimmen abzuschöpfen aber auch zyx“ lässt sich aber auch immer auf den Kopf stellen. Aber dass das recht-links-Schema eh untauglich ist, da sind wir ja einer Meinung.

  5. sirdoom schreibt:

    Das Argument „sie waren xyz, aus Pragmatismus und um Stimmen abzuschöpfen aber auch zyx“ lässt sich aber auch immer auf den Kopf stellen.

    Stimmt schon, aber hier kommt es doch wohl ganz eindeutig auf die Gewichtung der Punkte an, oder? 😉

  6. nick999999 schreibt:

    Die NSDAP war das Sprungbrett Hitlers an die Macht. Nach zwei Wörtern im Parteinamen (Sozialistisch, Arbeiter), ein Politisches Spektrum auszurufen, ist aus meiner Sicht nicht richtig. Und egal ob ich jetzt das Bündnis Rußlands und des Dritten Reiches, oder die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen heranziehe. Kann ich jetzt auch nicht sagen, Das ist Linkes oder Rechtes Gedankengut.
    Was Unbestritten ist, sind Unmengen an Toten, Vertriebenen, Ermordeten, Verratenen, Bespitzelten,……………..

    Ich kann nicht Verstehen wie eine Politiker/in das von sich gibt und damit in meinen Augen die Greulltaten des Dritten Reiches zu leugnen.

  7. sirdoom schreibt:

    Den letzten Satz habe ich mal gestrichen, weil Erika Steinbach, bei allem was ich sonst negatives über sie sagen kann, keineswegs die Taten der Nazis leugnet. Sie stellt bloss gerne mehr das Schicksal ihres Klientels in den Vordergrund, was ja auch ihr Job ist. Das führt allerdings dazu, dass sie mit dieser Betonung teilweise doch in aus der braunen Ecke herraus umarmt wird. Ob willentlich oder als Nebenwirkung kann und will ich nicht beurteilen.

  8. Skyrock schreibt:

    Erweitert man den Halbkreis des Parlaments ins Unendliche, treffen sich Links und Rechts hinter dem Rücken der Demokratie.

  9. sirdoom schreibt:

    Was ein durchaus älterer Witz ist, der teilweise durchaus zutreffend ist.

  10. XDragoon schreibt:

    Immer dieser unsinnige Wettstreit, welches Verbrechen das schlimmste (TM) oder zumindest das schlimmere (R) sei.
    Aber wenn ich mal beispielsweise den Political Compass nehme, der nach oben und unten von autoritär bis liberal geht in Bezug auf den staatlichen Einfluss auf Alltag und Bürgerrechte und „links“ und „rechts“ auf die wirtschaftliche Ebene reduziert, würde ich hier die NSDAP durchaus links von CDU und CSU einordnen.
    Man könnte es auch mal so ausdrücken: Das Idealbild des Wirtschaftssystems einer Partei sagt noch nicht zwingend etwas über ihr Idealbild des Menschen oder die Wahl der Mittel aus, diese Idealbilder in die Tat umzusetzen.
    Davon abgesehen ist das Links-Rechts-Schema schon eine ziemliche Vereinfachung und selbst der Political Compass ist im Grunde auch nur ein höherauflösendes Schubladensystem. Es gibt übrigens beispielsweise noch diesen Online-Test: http://www.politicaltest.net/ . Hier ist die Ausgabe auf mehrere Teilbereiche aufgesplittet, in denen man jeweils unabhängig voneinander „links“ oder „rechts“ landen kann.

  11. pseudo-anonymous schreibt:

    Aus Neugier: was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem „Political Compass“ und dem „politischen Kompaß“? Muß ja einen Grund haben, einen englischen Ausdruck zu nutzen. *kopfkratz*

  12. XDragoon schreibt:

    Also ich habe diesen nur in englischer Fassung durchgespielt und weiß auch von keiner deutschen Version. Daher benutze ich zumindest auch durchgehend den englischen Begriff. Sollte es inzwischen auch eine Übersetzung geben, würde ich für diese dann auch „Politischer Kompass“ verwenden.

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