„Kindernetz ist gut!“

Weil das Netz böse ist und deutsche Jugendliche sowieso gefährdet sind durch freie Meinungsbildung, gibt es an fast allen deutschen Schulen Filtersoftware, um den Geist der Jugendlichen sauber zu halten. Oder so ähnlich. Dabei wird eine Mischung aus Listenbasierter Sperrung und automatischer Analyse(Schlüsselwörter, Semantik, Struktur der Webseite, Bild- und Symbolerkennung) angewandt, die natürlich zwangsweise Fehlerhaft sein muss. Grundsätzlich ist solche Filtersoftware ja schon mehr als zweifelhaft, weil wer entscheidet da, was „moralisch“ oder politisch akzeptabel ist? Gelten Grundrechte nicht für Jugendliche? Dazu kommt natürlich noch das Cunthorpe-Problem und Overblocking. Und auch passive Nebeneffekte, weil Leute erst gar nicht mehr nach bestimmten Dingen suchen, da sie Angst haben, dass sich das für sie als nachteilig auswirkt, auch wenn es legal ist. Da wir in Deutschland besonders gründlich sind, sind die Filter an den Schulen natürlich auch für Lehrer auf „AN“ gestellt. Sprich der Lehrer ist auch dem Diktat der Filter erlegen.

Ab und an kommen die alltäglichen fuckups dieser Sperren dann auch mal in die Presse, wenn z.B. im Wahlkampfendspurt in NRW rauskommt, dass die Seite der Piratenpartei an deutschen Schulen gesperrt wurde. Der zuständige Entwickler „Time for Kids“ – eine ganz abstruse Mischung aus privater Firma mit festgeschriebenen Privilegien im Zusammenhang des Medienstaatsvertrages – ist sich natürlich keiner Schuld bewusst und liefert eine sehr entlarvende Stellungnahme[Link vollständige Pressemitteilung]. Darin wird von einem Bildungsinternet gesprochen, was übersetzt wohl ein „Kindernet“ ist, wo alles wegfällt, was nicht auf Disney-Niveau ist. Ohne Entschuldigung oder gar Erklärung geht man dann zum Angriff über und haut ein Statement raus, das sich gewaschen hat: „Overblocking ist ein undifferenzierter Kampfbegriff gegen alle Internetfilter.“ Womit sie eigentlich sogar recht haben, also mit „Kampfbegriff“, denn Internetfilter sind totalitärer Zensurwahn, der immer von Leuten mit einer zutiefst undemokratischen Natur gefordert wird. Dementsprechend konzentriert sich Time for Kids im Abschluss-Statement dann auch darauf den Vorfall herunterzuspielen und den Eingriff in die Freiheit der Information lächerlich zu machen: „Wenn Schüler sich zensiert fühlen, weil sie im Unterricht nicht mit ihren Freunden außerhalb der Unterrichtsstunde chatten, sich nicht über die Arbeit von Parteien wie der Piratenpartei informieren, die neuesten Fußballergebnisse nicht sehen oder nicht auf Werbung klicken können, weil die Lehrkraft die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler auf den Unterrichtsgegenstand wie z.B. Mathematik lenken möchte, dann mag das manche Schüler nerven, aber eine Zensur stellt dieser Beitrag zur Förderung der Aufmerksamkeit der Schüler im Unterricht in keinster Weise dar.

Wer die Argumentation und „Logik“ dahinter versteht, weiß sofort warum gerade solche Aussagen der Beweis für die Gefährlichkeit von Interfiltern, -sperren und deren Advokaten sind.

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9 Antworten zu „Kindernetz ist gut!“

  1. Cunningham schreibt:

    Komisch, bei uns war in Mathematik nur irgendwann ein Taschenrechner erlaubt. Einen internetfähigen PC brauchten wir dafür noch nicht.
    Aber Gott, das war vor einer million Jahren, wo ich zur Schule gegangen bin…

  2. sirdoom schreibt:

    Du verweichlichter Schüler! Um 1900 gabs in Schulen gar keine Taschenrechner! 😉
    Und bei „Millionen Jahren“ meine ich eine leichte Übertreibung herauszuhören*g*

  3. XDragoon schreibt:

    Bei uns war jedes Dokument, jeder Link und jede Datei gesperrt, die das Wort „Chat“ enthielt. Also konnte man sich auch nicht online für ein Referat über „NachtsCHATtengewächse“ informieren. Auf Pornoseiten kam man problemlos. Parteiseiten waren auch nicht gesperrt, aber ich erhielt mein Abitur auch vor Gründung der Piratenpartei.
    Das galt sowohl für die Rechner im frei zugänglichen Internetraum sowie den Computerräumen für Unterricht. In ersterem gab es eine Gruppe Schüler, die dort als Admins und Aufsicht fungierten (unter Leitung eines Lehrers, der jedoch nur selten da war) und in den Unterrichtsräumen hatte natürlich der jeweilige Lehrer Aufsicht.
    Die Sperrung des Wörtchens „Chat“ war zwar schon lächerlich – aber davon abgesehen würde ich diese Linie bezüglich der persönlichen Aufsicht weiterhin so fahren.

  4. XDragoon schreibt:

    Noch ein Nachtrag – es geht auch noch besser:

  5. Nevermind schreibt:

    Homer: (thinking) I can’t let Lisa find out. Time to do what I do best! Lie to a child!

  6. ravenscroft schreibt:

    In unserem Computerraum an der Berufsfachschule hatten wir Commodore PC-10 Rechner, da war noch nix mit Internet…irgendwie komm ich mir alt vor

  7. sirdoom schreibt:

    Eigentlich sind wir hier alle alte Säcke, da wir ohne Wikipedia wissen, was ein Amiga 500 war… 😉

  8. ravenscroft schreibt:

    Amiga 500? Ach ja, das war der Rechner den ich nach meinem C 64 hatte 🙂

  9. Gondrino schreibt:

    Ich kann als Lehrer alle Inhalte freischalten, die ich für den Unterricht brauche. Trotzdem war und bin ich (als einer der wenigen im Kollegium) gegen Time for Kids, weil ich Zensur generell ablehne und auch ohne Filter sicherstellen kann, dass keiner Websites aufruft,die nix mit dem Unterricht zu tun haben.

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