„Stolz und Vorurteil“

Man muss nicht auf sein Heimatland stolz sein, aber man darf sicherlich auf sein Heimatland stolz sein. Interessant ist eigentlich eher weswegen man stolz ist. Die genauere Definition von Stolz wäre auch noch so ein Thema. Der eigentliche Punkt dabei ist allerdings eine Generationsfrage. Joachim Gauck ist ein Bundespräsident, der viel Historie mit sich herumschleppt. Geboren 1940, Teilung Deutschlands, Nachkriegsjahre, 41 Jahre Sowjetblock, Wiedervereinigung. Für ihn ist es durchaus eine kritische Frage, ob man auf sein Heimatland stolz sein darf. Aber es gibt einen Grund warum so viele Menschen in Deutschland den Kopf schütteln, die nach dem zweiten Weltkrieg oder sogar nach der Wiedervereinigung geboren wurden. Sie können es nicht mehr hören in Sippenhaft für ihre Großeltern genommen zu werden. Was natürlich auch eine Gefahr birgt. Die stramm-rechte Szene begrüßt dies nämlich außerordentlich, da sie dies mit der Negation der Ereignisse gleichsetzt. Insofern: Vergessen? Nein, keineswegs, aber eine gesunde Normalisierung des heutigen Umgangs mit dem eigenen Land.

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8 Antworten zu „Stolz und Vorurteil“

  1. Andai schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele. Natürlich ist die Vergangenheit wichtig, aber uns die Last unserer Vorväter so dermaßen nachzutragen….das ist etwas zu viel des Guten finde ich. Ein gesunder Stolz auf das Heimatland darf durchaus sein! So genieße ich zum beispiel jede Wm und Em in der eine deutsche Elf auf dem Platz steht und fühle mich dem sehr verbunden, ja habe sogar selber mal davon geträumt wie es wäre dort auf dem Platz zu stehen und alles zu geben, angefeuert zu werden usw. usf. Aber dies in Verbindung mit dem Land in dem ich lebe und glücklich bin (trotz mancher trauriger Dinge die so passieren ^^) und vorallem SPORTLICH, friedlich.

  2. Wallace schreibt:

    Wichtig ist das „worauf“, wie schon gesagt. Und mir ist ein „ich bin stolz auf //“ so völlig ohne Kontext eigentlich immer zu pauschal. Das hat dann, für mich, schon einen Anflug von blinder Loyalität.

    Ich bin zum Beispiel sehr stolz auf die Toleranz, die wir in weiten Teilen Deutschlands inzwischen leben. Mein Aha-Erlebnis waren da die Gay-Games in Köln. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren relativ leicht in zu erkennen, weil sie größtenteils ihre (als Tickets für den ÖPNV dienenden) Teilnehmerausweise um den Hals hängen hatten. Die ersten Tage sah man dann zwar viele junge Männer, die dem Äußeren nach aus dem nahen Osten kamen, mit diesen Ausweisen paarweise durch die Stadt laufen, aber es hat einige Tage gedauert, bis diese dann auch (wie andere von Anfang an) Hand in Hand liefen oder anders zeigten, dass sie zusammen gehören.

    Das das hier in meinem Land möglich ist, wo es in vielen ihrer Heimatländer lebensgefährlich wäre, das macht mich stolz.

    Wenn ich dann in der gleichen Stadt an einem Wahlstand von ProKöln vorbei laufe, oder Salafisten Korane verteilen sehe, dann bin ich zwar immer noch froh in einem Land zu leben, wo selbst die einen Stand haben dürfen. Mit meinem Stolz auf dieses Land ist es in den Fällen aber nicht besonders weit her.

  3. Andai schreibt:

    Für mich war die WM 2006 ein Schlüsselereignis, als mich ein englisches Pärchen fragte, wie sie zur Fanmeile am Potsdamer Platz kommen und mit den Worten endeten: „Your germans are so kind and great hosts, thank you very much!“ (ist schon etwas her und war bisschen länger), aber fakt blieb, dass ich in dem Moment sehr stolz war, was für ein Bild wir abgeben und dass ich meinen Teil dazu beitragen kann. Allerdings bin ich als Berliner vielleicht auch vorbelastet: MAuer + Mauerfall (da war ich immerhin 7 und habs live miterlebt), ich war auch nie ein Fan von diesem Ost-West gehabe, dann der alljährliche CSD und speziell der CSD 2003, als ich mit meinem besten Kumpel vom Fussball kam (wir sind seit 22 Jahren befreundet) und uns zwei Teilnehmer des CSD anlächelten und meinten, was für ein süßes Paar wir wären..das war zwar irgendwo unangenehm, aber irgendwo war es auch was total anderes…und da gibt es so viel mehr Punkte die für mich für Toleranz, Verständnis und Miteinander sprechen und das macht mich irgendwie stolz. Nicht unbeding allerdings, was auf der politischen Ebene produziert wird (wobei auch hier Licht und Schatten existieren).

  4. sirdoom schreibt:

    Danke, gute Beispiele! Ich merk aber schon meine Prägung: Wenn jemand in Deutschland US-Style mit Deutschlandflaggenpin an der Brust rumlaufen würde, dann würde ich mindestens misstrauisch sein. Allerdings bin ich bei zu offensiv zur Schau gestelltem Patriotismus eh immer misstrauisch, denn die, die es am meisten raushängen lassen, haben mit den positiven Werten eines Landes meist so gar nichts zu tun. Kann ich nicht wissenschaftlich belegen, ist nur eine persönliche Beobachtung…

  5. Unwichtig schreibt:

    Ich hab mal einen Bericht von irgendeinem Treffen im kleinen Kreise zwischen BW’lern und Soldaten der israelischen Armee gesehen. Die wurden zusammen an Tische gesetzt und sollten sich kennen lernen. Nach einer gewissen Zeit sollten beide vor der Kamera kurz Fazit ziehen.

    Der BW’ler fand, das er der israelischen Soldatin am Tisch nähergekommen ist und man sich eigentlich nicht schlecht versteht. Die israelische Soldatin gibt an – auf hebräisch – das der junge Deutsche an ihrem Tisch aus Hildesheim kommt, genau wie ihre Großeltern vor dem Krieg. Dabei kam ihr die Frage hoch, ob seine Großeltern und ihre sich damals kannten und was da wohl passiert ist…

    Ja, das Sippenhaftargument findet wohl niemand von uns gut – aber ist es tatsächlich in dieser Form zumindest nicht mehr nachvollziehbar? Das man sich deswegen für sein Heimatland schämen muß sehe ich nicht so, aber speziell Israel gegenüber ist das Thema wohl noch nicht ganz blutleer zu sehen, fürchte ich. Wobei das spätestens in der kommenden Generation, die niemanden mehr persönlich kannte, der im Krieg war, anders sein dürfte – und ich nur hoffen kann, das das Thema Holocaust nicht so schnell vergessen oder verdrängt wird wie es mit Geschichte häufiger der Fall ist.

  6. sirdoom schreibt:

    Wir sind halt gerade in einer Übergangsphase und sowas ist immer schwierig^^. Gerade deswegen muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen und dafür sorgen, dass das Thema nicht unter die Deutungshoheit der Gestrigen allein fällt. Dabei kommt nämlich nichts Gutes heraus.

  7. Unwichtig schreibt:

    Einen Vorteil hat die bisherige Deutungshoheit der älteren Generationen: Ich persönlich halte die Bundesrepublik für eines der Länder, in denen der Rechtsextremismus (verglichen mit anderen geographischen oder politischen Nachbarn) wenig politischen, mMn auch gesellschaftlichen Einfluss genießt.

    Das zum Beispiel ist zum Beispiel eine Sache, auf die ich stolz bin. Obwohl die Zwickauer Zelle da aktuell ein für lange Zeit nicht verfolgte rechtsextreme Aktivitäten sind, so etwas wie die Wahlergebnisse in den Niederlanden (Partij voor de Vrijheid) oder Schweden (Sverigedemokraterna) z.B., wo rechte Parteien in die Parlamente eingezogen oder gar an den Regierungen beteiligt wird, halte ich bei uns auf Bundesebene zumindest für wenig realistisch. Gerade angesichts unserer Vergangenheit ist das imho ein sehr positiver Punkt, der hoffentlich mit einem Nachlassen der „Sippenhaft“-Haltung nicht ebenfalls schwindet.

  8. sirdoom schreibt:

    Wäre zu wünschen^^

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