„Gottes Jahrhundert“

Es gibt manchmal so Geschichten, die für die einen einfach nur Geschichten sind und für andere der blanke Horror. Heute bin ich wieder mal über so eine Geschichte gestolpert, bei der Angst und Wut zu gleichen Teilen empor gekrochen kam.

Auf Zeit Online gibt es ein Interview[Link] mit Monica Toft, einer amerikanischen Associate Professor of Public Policy an der Harvard Kennedy School. In dem Interview geht es um ihre Überzeugung, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Gottes wird, weswegen sie dazu auch gleich ein Buch (mit-)geschrieben hat(God’s Century). Man muss sich das mal vorstellen: Aus einer radikalisierten, muslimischen Welt, werden Hass und Terror, Frauenverachtung und Gewalt exportiert und die christliche Rechte wird als Gegenreaktion wieder en vogue. Ein Szenario, bei dem jedem intelligenten und aufgeklärten Mensch eh schon speiübel wird und Monica Toft freut sich über die friedliche Kraft der Religion. Im Nahen Osten kapern radikale Fanatiker die freiheitlichen Revolutionsbewegungen und verfolgen die liberalen Vordenker, die sich erst in die Bresche geschmissen habe. Danke Religion! In den USA wird in christlichen Sommercamps die nächste Kreuzzugsgeneration herangezogen und indoktriniert. Pius-Brüder und andere Hardliner leugnen den Holocaust, verdammen die bösen Juden und hoffen, dass Homosexuelle in der Hölle brennen, wobei man gerne nachhelfen würde, wenn man nicht mit dem Misshandeln von Kindern zu beschäftigt wäre. Aber man schafft es immerhin Umerziehungscamps für die verwirrten Seelen anzubieten. Nein, nicht für die Gläubigen, sondern für die kranken Homosexuellen. Danke Religion!

Toft: Sie haben recht: Harvard tut sich schwer mit Religion. Ganz Academia ist stark säkularisiert und findet, dass Religion und Rationalität nicht zusammengehen. Viele dieser Wissenschaftler wollen nicht sehen, dass ein Mensch rational denken und trotzdem gläubig sein kann.

Das geht ja auch rein logisch nicht. Wie soll ein rationaler Mensch an eine unsichtbare, nicht messbare oder theoretisch ableitbare Entität glauben? Andererseits lasse ich mich gerne widerlegen, aber sowas ist typisch für solche Menschen. Einfach mal was als Tatsache in den Raum stellen.

Toft: Die Welt modernisiert sich immer schneller, und der materialistische Lifestyle lässt die Menschen unbefriedigt zurück. Sie merken, wie sehr sie sich nach moralischer Ordnung sehnen. Sie fragen: Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?

Da kann man auch Seneca lesen. Aber warum lesen, wenn man Abtreibungsärzte umbringen kann oder versuchen kann, Frauen wieder zu reinen Küchenangestellten und Gebärmaschinen zu machen? So wie Toft sich anscheinend auf das Jahrhundert Gottes freut, so erinner ich mich ungern an die letzten Zeiten, die man als Jahrhundert Gottes bezeichnen könnte und befürchte das Schlimmste, falls sie damit recht hat. Danke, Religion!

Dieser Beitrag wurde unter imperiale Politik, verbale Diarrhoe abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

27 Antworten zu „Gottes Jahrhundert“

  1. XDragoon schreibt:

    Wenn ich Geld zum investieren hätte, würde ich es in Brennholzunternehmen stecken. Scheiterhaufen werden schließlich bald für eine entsprechende Nachfrage sorgen.

  2. Wallace schreibt:

    Einstein und Heisenberg waren beide Christen und haben ihren Glauben beide in mehreren Zitaten sogar als Antriebsquelle und Stütze für ihre wissenschaftliche Arbeit genannt.

    Charles Darwins Einstellung zur Religion hat sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel und war insgesamt wohl weit weniger ablehnend, als man gemeinhin glaube mag.

    Max Planck hat sich, von den genannten Wissenschaftlern, in seinem Vortrag „Religion und Wissenschaft“ wohl am ausführlichsten zum Thema geäußert, und darin diverse sehr interessante Thesen zur Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Religion aufgestellt und behandelt. Auch ihn kann man wohl gefahrlos zumindest als religiös bezeichnen.

    Das bedeutet aber noch lange nicht, dass einer von ihnen dieser Toft bei auch nur einem andere Satz zugestimmt hätte… „glauben“ heißt ja noch lange nicht „jeden Scheiß glauben“.

    Davon abgesehen ist nicht jeder Christ ein „braver Christensoldat“, nicht jeder Muslim ein Selbstmordattentäter und Patriarch und jeder Atheist ein besserer Mensch.

  3. Cunningham schreibt:

    Nun, wir alle wissen oder sollten wissen, das Christentum und Islam sehr verschlungene Wurzeln und ähnlich, wenn nicht gar gleiche Säulen haben…

    Eine der wichtigsten, wenn nicht gar die Wichtigste in beiden Religionen ist die Nächstenliebe (der Islam ist da glaube ich etwas strenger, Du sollst Deinen nächsten nicht nur lieben sondern auch helfen), was bedeutet, dass gerade die „braven Christensoldaten“ und unsere „geschätzten Selbstmordattentäter“ auch etwas gemeinsam haben, sie verstoßen gegen das Fundament ihres Glaubens, für den sie eigentlich eintreten wollen.

    @Wallace:
    Die Herren sind ja nun auch aus einer anderen Zeit, damals konnte man Humanist und Forscher zugleich sein. Glauben und gleichzeitig Fragen stellen.

    Heutzutage wirst Du ja schon von Deinen guten Freunden belächelt, wenn Du zugibst nicht nur Christ zu sein, sondern auch noch an Gott zu glauben.
    Und nach zwei halbsätzen kommt dann auch einer Angestiefelt und erzählt Dir mit stolz geschwellter Brust: „Ich bin Pastafarie, ich glaube an das fliegende Spaghettimonster und DU kannst nicht beweisen, dass es das nicht gibt!“
    Andere erzählen Dir mit süffisanten Grinsen, sie sein Agnostiker und hängen dann: „Sollte es Gott doch geben, wäre ich gerne bereit an ihn zu glauben, damit bin ich ja auf der sicheren Seite“ an.

    Um es mal mit den Worten der Piraten zu sagen: 10 % Idioten hast Du überall.
    Das Problem mit den Leuten die dann wirklich glauben ist, dass sie in ihre Sache Zeit, Geld, Mühe und Blut investieren (letzteres dann i.d.R. von anderen).

  4. pseudo-anonymous schreibt:

    Cunninghams Kommentar gibt es nichts mehr hinzuzufügen. „Treffer und versenkt!“ 🙂

  5. sirdoom schreibt:

    Kleine Anmerkung: Ich „verteufele“(„“vershaitane?“ :D) nicht grundsätzlich Christen, Muslims, etc. Weit davon entfernt. Ich sehe bloss mit großer Sorge, wie gerade in den letzten zehn Jahren ausgerechnet die Durchgeknallten, die Hardliner, die Fanatiker, die bigotten Fundis die Deutungshoheit an sich reissen und immer mehr werden. Wie Kreationisten sich in die Lehrbücher und an die Unis schmuggeln, wie die Vollverschleierung sich ausbreitet. Wie ein katholischer Bischof zum Unglück bei der Loveparade im Grunde genommen sagt „Die Schwuchteln hatten das alle verdient“ und es keinen großen Aufschrei oder gar Widerspruch innerhalb der Kirche gibt. Wie Opern abgesagt werden, um religiöse „Gefühle“ nicht zu verletzen, etc. Sicher, es gibt überall 10% Idioten, aber wenn die Idioten gefühlte 75% ausmachen und anscheinend die Deutungshoheit haben, dann ist Schluss mit lustig.

    @Wallace: Deine Aufzählung krankt an einer Sache. Aus Sicht derjenigen, von denen wir hier reden, waren die aufgezählten Wissenschaftler keine Gläubigen, sondern Feiertagschristen und Charles Darwin war ein Alkoholiker, Ehebrecher und Satanist, mindestens! Wunderbar ist dazu die Simpsons-Folge.

    Was mir in letzter Zeit übrigens arg auf Keks geht ist diese debile Aussage „Wir brauchen den Glauben, um gelebte Werte zu haben, ohne Religiösität gehen Moral und Wertvorstellungen den Bach runter!“

    So ein dreister und hirnloser Schwachsinn! Was für eine billige Ausrede und Lüge. Der Mensch hat die Fähigkeit zur moralischen Rezeption, ohne dass ein grausamer Gott oder dessen Kirche ihm über die Schulter schaut und ihm mit Strafe droht. Es gibt genug Konzepte, die keineswegs religiös sind, an die man sich halten kann, um moralisch zu handeln und zu leben. Und wenn die katholische Kirche von Moral redet kommt mir eh immer der Kaffee hoch. Diese Institution hat sämtliche moralische Hoheit whatsoever schon lange verloren, wenn sie sie denn jemals hatte.

  6. Wallace schreibt:

    Du hast wörtlich gefragt „Wie soll ein rationaler Mensch an eine unsichtbare, nicht messbare oder theoretisch ableitbare Entität glauben?“ und ich habe indirekt gesagt: „Diese prominenten Beispiele da konnten es offenbar.“

    Dieser Punkt, und die meiner Ansicht nach darin liegende Pauschalisierung, die man verkürzt mit „gläubig = beknackt“ beschreiben könnte, waren einziges Ziel meines Kommentars.

  7. sirdoom schreibt:

    Akzeptiert und mit der Pauschalität hast du auch recht. Wobei ich rein logisch weiterhin Probleme haben die Begrifflichkeiten rational/gläubig in Einklang zu bringen.

    Ansonsten:

  8. Wallace schreibt:

    Ich kann Dir meine persönliche Position gerne mal erläutern, aber dafür brauchen wir die (theoretische) Möglichkeit uns gegenseitig am Kragen zu packen, (viel) Bier, „Banished from sanctuary“ auf Dauerschleife und mindestens eine Nacht Zeit. 😉

  9. Wallace schreibt:

    Man, wie blind bin ich eigentlich? Und alle Anderen hier auch? 😀 Einstein war selbstverständlich kein Christ sondern jüdischen Glaubens… das komm davon, wenn man viel und reichlich an seinen Posts rum editiert.

  10. sirdoom schreibt:

    Na ja, der Gott ist ja derselbe 😉

  11. sirdoom schreibt:

    Mal schauen wie das auf der Kittery ausschaut, Banished vom Sanctuary ist super, Bier substituiere ich lieber durch Whisky^^

  12. Wallace schreibt:

    Auf Kittery hast Du ja nie Zeit und trinkst selten… aber ich trage das trotzdem einfach mal als Termin ein. 😉

  13. XDragoon schreibt:

    Eine Podiumsdiskussion über Religion? Sowas in der Art wollte ich sowieso mal organisieren. Sofern ich es dieses Jahr schaffe (sieht wieder nicht gut aus), würde ich mich gerne dazusetzen.

  14. sirdoom schreibt:

    ^^Da muss dann mal wer anders fahren den einen Tag

    ^^Podiumsdiskussion würde ich es nicht nennen, sondern die proletarische Version eines Gesprächs über Gott und die Welt in einem exklusiven Londoner Gentlemen’s Club 😉 Sowas in der Art…

  15. pseudo-anonymous schreibt:

    Welcher Whisky? 😀

  16. Cunningham schreibt:

    Warum habe ich da gerade nur die Saloon-Schlägerei eines Schwarz-Weiß-Westerns vor meinem inneren Auge…

  17. sirdoom schreibt:

    Sag der Küche vorher bescheid, dass sie viele kleine Torten machen soll, die werden Buster-Keaton-mäßig gebraucht!

    ^^Whisky als Wasser des Lebens, ist ein essentiell wichtiges, spirituelles Getränk bei Gesprächen über Gott und die Welt 🙂
    Welcher Whisk(e)y nun genau, da kann man flexibel sein, bin ja eh ein Barbar, der da Coke reinkippt*g*

  18. farmerboy schreibt:

    Digga, du säufst und diskutierst mit dem Küchenchef… Törtchen sollten kein Problem sein.

    An diesem einem Abend wird die Theke dann auch Scotch im Angebot haben…

  19. pseudo-anonymous schreibt:

    Cola in den Whisky – urgs. 😦

    Dann bitte Bourbon oder irischen Whiskey, um die ist es in den seltensten Fällen schade.

    Und leider muß ich beipflichten: Barbar! 😉

  20. sirdoom schreibt:

    Bourbon mit Coke ist oftmals ZU süss *g* 😉 Davon ab: Dieser Whisk(e)y-Snobismus à la nur schottischer ist echter, etc., über den bin ich lange hinweg.

  21. gedichtblog schreibt:

    Ein generelles Problem ist die grobe Vagheit und Allgemeinheit des Begriffs Religion. Natürlich verwenden wir diesen Ausdruck in Weisen, nach denen Religion völlig vernünftig sein kann. Wenn man Rationalität nur als korrektes Schließen begreift, ohne die Frage nach den Prämissen zu stellen, dann kann alles mögliche vernünftig sein.
    Wenn ich glaube, dass ich ewiges Leben und Glück erlange, wenn ich mich und eine U-Bahnwagen Ungläubiger in die Luft jage, dann mag dass, gegeben meiner Prämissen (Gott, Paradies, Belohnung für Märtyrer) sehr wohl rational sein.
    Aber selbst, wenn man Prämissen und deren Erwerb miteinbezieht in die Rationalität, so könnte man sich ja durchaus eine Welt vorstellen, in der Inhalte religiöser Offenbarung dieselben sind, die eine optimale Wissenschaft erbringen würde.
    Und wenn sich herausstellen würde, dass Offenbarung immer richtig liegt, dann wäre es sicherlich nur vernünftig auch in Zukunft auf Offenbarung zu hören.

    Aber dadurch, dass aus dem Begriff Religion nicht die Irrationalität abgeleitet werden kann, folgt eben nicht dass auch jede religiöse Überzeugung vernünftig ist.
    Es ist unvernünftig an die (meisten) Inhalte der Bibel zu glauben, nicht weil es religiöse Inhalte wären, sondern schlicht weil wir überwältigende Gründe haben, das meiste, was in der Bibel steht für falsch zu halten. Dass diese falschen Aussagen auch religiöse Aussagen sind, ist dabei eigentlich nebensächlich. Was relevant ist, ist dass sie falsch sind.

    Hinzu kommt, dass wir, wenn wir Religion sagen, eigentlich „Christentum“ meinen, denn der Begriff der Religion als separaten, abgrenzbaren Lebensbereich haben wir der Reformation und den Glaubenskriegen zu verdanken, als die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen plötzlich nicht mehr hinreichend war um Alltag und Politik zu ordnen.

  22. Wallace schreibt:

    Je nach Uhrzeit, Finanzen, Laune und Zweck:
    – Islay, Südküste. Bevorzugt fassstark. Ohne irgendwas, höchstens mit einem Glas stillen Wasser daneben.
    – Wild Turkey, eventuell mit einen Schuss stillen Wasser drin.
    – Paddy mit Sprite
    – Mir-Doch-Egal-Hauptsache-Dröhnt mit Cola.

  23. Cunningham schreibt:

    Warum habe ich nur das Gefühl, dass Du zu den „Leuten“ gehörst, die dann selbst Johnny Walker Red Label pur trinken? 😉

  24. pseudo-anonymous schreibt:

    Johnny Walker? Es gibt nichts besseres um den Fußpilz loszuwerden!

    Ach, das Zeug soll ich trinken?! Öch… 😉

  25. pseudo-anonymous schreibt:

    Da möchte ich noch einmal einhaken: ich bevorzuge Scotch, weil mir die meisten Bourbons und irischen Whiskeys nicht schmecken. Ich bin glücklich, daß es so viele Banausen gibt, die auf JD, JB und JW schwören, denn dann sind die Whiskys in ihrem Nachschub nicht „gefährdet,“ die mir munden.

    Was Whisk(e)ysnobismus angeht mache ich einen sehr weiten Bogen um solche Volldeppen. Wenn die auf einer Feier mit gespreizten Fingern vor sich hinnäseln, daß Whisk(e)y ihr ganz großes Hobby und ihre Leidenschaft sei, dann weiß ich, daß ich an diesem Abend kein Wort über Whisk(e)y verlieren werde. Diese Wichtigtuer plappern nur nach, was sie irgendwo gelesen haben und haben keine Nase und keinen Gaumen. [Also ehrlich, wer bei Laphroaig 10J noch Toffee und Vanille rausschmecken will, kann nur deppert in der Birne sein! 😉 ]

  26. sirdoom schreibt:

    Dem stimme ich zu. Mein Geschmack – auch wenn da viele die Nase rümpfen werden – geht von Bourbon über Scotch bis hin zu Nischen(japanischer Whisky hat mich psotiv überrascht). Und je nachdem mit Coke, Eis oder pur.

  27. sirdoom schreibt:

    Aber dadurch, dass aus dem Begriff Religion nicht die Irrationalität abgeleitet werden kann, folgt eben nicht dass auch jede religiöse Überzeugung vernünftig ist. Es ist unvernünftig an die (meisten) Inhalte der Bibel zu glauben, nicht weil es religiöse Inhalte wären, sondern schlicht weil wir überwältigende Gründe haben, das meiste, was in der Bibel steht für falsch zu halten. Dass diese falschen Aussagen auch religiöse Aussagen sind, ist dabei eigentlich nebensächlich. Was relevant ist, ist dass sie falsch sind.

    AMEN! 😀

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