„Die Sache mit der Christenverfolgung“

Zu Ostern wollen wir uns mal einer Legende widmen, die immer wieder aufkommt: Der gnadenlosen, jahrhundertelangen Christenverfolgung damals und heute. Bevor jetzt ein Aufschrei durch die Kirchen hallt: Natürlich gab es und gibt es eine Verfolgung von Christen, aber das Ganze stellt sich etwas anders dar, als propagiert. Die klassische Christenverfolgung und Löwenfütterung im Römischen Reich hatte als Ursache nicht den Hass auf Christen an sich zur Ursache. Die Gründe sind eher in der Tatsache zu suchen, dass der römische Kaiser natürlich gottgleich, bzw. von den alten Göttern des römischen Pantheons abstammte. Die neue, christliche Religion war also aus Sicht des Reiches ein klarer Angriff auf das Imperium. Dabei ging das Reich sogar zuerst noch verhältnismäßig sanft zu Werke und nur die ganz Aufmüpfigen wurden diszipliniert, wobei entgegen der Sage wenige Christen wirklich Löwenfutter wurden. Gesamtstaatliche Christenverfolgung gab es dann 249-251 (unter Kaiser Decius), 257-260 (unter Kaiser Valerian), 303 – 311 (unter den Kaisern  Diokletian und Galerius).

Die Sache mit der Christenverfolgung - LogoKaiser Decius sah sich durch die Goten, Alamannen und Franken bedroht (Dritte Reichskrise) und fürchte als Usurpator um den sicheren Sitz seiner Krone. Deshalb entschloss er sich zu einer allgemeinen Stärkung der alten Riten, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen.  Die Maßnahme des Decius reagierte also nicht auf die zunehmende Ausbreitung des Christentums, sondern wandte sich gegen jeden Abweichler, sei er nun Heide oder Christ. Erst als einige Christen durch demonstrative Opferverweigerung gegenüber den alten Göttern und damit dem Kaiser auffielen, geriet ihre Religion ins Zentrum der staatlichen Aufmerksamkeit. Dies eskalierte unter Kaiser Valerian, der die Verfolgungspolitik seines Vorgängers 257 wieder aufnahm und die decischen Maßnahmen durch ein generelles Versammlungsverbot für Christen verschärfte. 258 ließ er christliche Bischöfe verhaften und ohne Prozess hinrichten und ging gezielt gegen die Anführer unter den Christen vor. Er versuchte die hierarchische Führung des Christentums zu zerstören und damit das wachsende Christentum als geeinten Machtfaktor zu zerschlagen. Aber bereits 260 hob Valerians Sohn Gallienus diese Politik auf. Das Reich war immer noch im Krieg und die Lage zu ernst, um sich intern zu bekriegen. Fast 50 Jahre Ruhe später sattelten die Kaisern  Diokletian und sein Nachfolger Galerius noch einen drauf. Das Kaisertum wurde – wieder mal – offiziell in göttliche Sphären gestellt und im Christentum wurde eine Bedrohung des Reiches gesehen. Wobei die Verfolgung im Ostteil des Reiches ziemlich ernst genommen wurde, während man im Westteil weitaus entspannter damit umging und mit sehr wenigen Löwenfütterungen auskam. 311 im Toleranzedikt von Nikomedia endete diese Phase des Römischen Reiches. Mit der Konstantinischen Wende schlug das Pendel dann langsam in die andere Ecke. Die Römisch-Katholische Kirche beseitigte brutal alle innerkirchliche Konkurrenz und kümmerte sich dann um das heidnische Göttererbe und deren Anhänger und alle Andersdenkenden, wobei man aber bei weitem nicht so erfolgreich war wie gehofft und er alte römische Staatskult und die anderen polytheistischen Religionen sich daher noch bis ins 6., in Ostrom teils sogar bis ins 7. Jahrhundert halten konnten. Sie hinterließen durch die massenhafte Konversion ehemaliger Anhänger aber umgekehrt deutliche Spuren im Christentum, das zwischen 300 und 600 einen massiven Wandel erlebte.

Dieser kurze Abriss zeigt schon recht deutlich, dass es „Die Christenverfolgung“ nur sehr eingeschränkt gibt. In Wirklichkeit gehört es zur guten politischen(u.a. Nationalismus) und religiösen Tradition Andersdenkende zu verfolgen und auszuschalten. Je größer und erfolgreicher die gefühlte Oppositionsgruppierung ist, desto härter wird zugeschlagen. Und daran hat sich auch heutzutage nichts geändert. Wenn auf die Unterdrückung des Christentums in islamischen Ländern hingewiesen wird, werden dabei immer gerne Atheisten, Bürgerrechtler, Schwule und Lesben, etc. vergessen. [Link]

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11 Antworten zu „Die Sache mit der Christenverfolgung“

  1. XDragoon schreibt:

    Ja, wenn da ein Wandel oder eine Überfremdung befürchtet wird, werden mitunter gerade erst Mittel eingeführt, welche die alteingesessene Kultur „retten“ sollen. Ob das nun bedeutet, dass man den Kolloseumstieren einen neuen Speiseplan schreibt oder man das Tanzverbot einführt.

    Was Dich vielleicht interessieren dürfte, ist diese Statistik: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionszugehoerigkeit/Religionszugehoerigkeit_Bevoelkerung_1970_2011.pdf

  2. sirdoom schreibt:

    Satanisches Zahlenwerk! Was nicht ansatzweise mit der landläufigen Meinung korreliert, dass Muslime sich exponentiell ausbreiten und bald die Herrschaft übernehmen, wenn wir nicht alle schleunigst Fundie-Christen werden. Und überhaupt…

  3. sirdoom schreibt:

    Erwartungsgemäß sieht die katholische Internatsschülerin Marie Wildermann die Sache in der WELT ganz anders: Der hohe Preis der Christen für ihren Glauben.

    Der Anrisstext „Vor dem Leid verfolgter Christen dürfen wir die Augen nicht verschließen. Sie kämpfen für Ideale, ohne die eine Gesellschaft nicht lebens- und liebenswert ist: Toleranz, Gerechtigkeit, Vergebung.“ dreht einem wirklich die Gedärme um, denn die armen Opfer sind natürlich nur Christen. Da spielen natürlich keine Stammeskämpfe und nationale Rivalitäten rein.

    Wenn die Evanglikalen nach mehr Todesstrafe schreien und Homosexuelle zusammen mit den Katholiken „heilen“ wollen, wenn die Kirchen Täter in Missbrauchsfällen decken und Opfer verleumden, dann steht das sicherlich für Toleranz, Gerechtigkeit und Vergebung…

    Wobei man natürlich erwähnen muss, dass das genau die Botschaft von Jesus Christus ist, an die sich nur wie üblich keiner hält…

  4. farmerboy schreibt:

    Nette Statisktik.
    Im Endeffekt sieht man den größten Sprung bei den Konfessionslosen durch den Mauerfall. Soweit kein Wunder.
    Und daß dieser Anteil in den Jahren danach stark steigt liegt woran? An den Kirchen? Niemals, bei Gott.. ^^

  5. sirdoom schreibt:

    Auch in Bangladesch werden ausschließlich Christen verfolgt: Arrest the atheists who insulted Islam!

  6. 3-6 schreibt:

    Liegt am Produkt generell. Und wohl auch daran, dass man nicht total individuell sein kann UND Mitglied in ’nem großen Verein. Und man muss ja total individuell sein.

  7. Heiko schreibt:

    Was? In der WELT?! Dieser letzten Bastion journalistischer Souveränität?!

  8. sirdoom schreibt:

    It came handy“ ist meine Ausrede 😉

  9. sirdoom schreibt:

    Christenverfolgung in der Basler Zeitung oder „Wie man bei fundamentalistischen Organisationen Dinge abschreibt, die nicht nachweisbar, ohne Quelle und unbelegt sind.

  10. Pingback: “Syrien – Dschihadisten-Import aus Deutschland” |

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