„Künstlerische Ring-elreihen“

Wie wir alle „wissen„(TM), ist die Jugend verdorben, kriminell und unsere Kultur ist dem Untergang geweiht. Wobei „unsere Kultur“ auch schon ein leichtes Lächeln auslöst, denn dieser Anspruch bewegt sich zwischen anmaßend und absurd. Richtig schlimm, quasi das letzte Zeichen vor dem Untergang, ist es, wenn es das höchste Symbol unserer deutschen Hochkultur erwischt, den Ring des Nibelungen.

Künstlerische Ring-elreihen - LogoWie jedes Jahr pilgert Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur zu den Bayreuther Festspielen, um sich im Blitzlichtgewitter zu sonnen und zu zeigen, wie feinsinnig und hochgeistig man ist. Was in Anbetracht des wagnerscheren Bombasts eine mutige Aussage ist. In den Pausen trifft man sich zu anregenden Gesprächen, wie z.B. „Worum geht es hier nochmal, also abseits des Networkings?“ oder „Ah, freut mich, ich habe auch über den Antisemitismus zu Wagner gefunden„.

Doch heuer ist der Untergang nahe, denn dieses Jahr versucht sich irgendein Durchgeknallter an einer Neuinterpretation des Werkes. Einer Umsetzung auf aktuelle Ereignisse, Kontakt mit der Realität und Tabubrüche. [Link: Castorfs Siegfried schockt Publikum mit Sturmgewehr] Also eigentlich genau das was Kunst soll! Denn Kunst ist keine eingefrorene, statische Angelegenheit. Kunst erfindet sich neu, verändert sich, lebt von ihrer Umgebung. Wer sowas nicht mag und immer nur dieselbe Auslegung aus der Konserve sehen will, hat dazu jedes Recht, dafür gibt es sicherlich die passende HD-Aufnahme und alle zwei Jahre eine „Back to the Roots„-Aufführung. Aber wenn der Frackträger  sich anmaßt rumzustänkern, dass Castorfs Inszenierung keine Kunst sei, er ins Irrenhaus gehört und all dies kein „Wagner!“ sei, dann macht er sich lächerlich. Der Schritt von „keine Kunst!“ und „eine Schande!“ zu entarteter Kunst ist meistens nicht besonders weit.

Wobei gerade dies der Triumpf von Castorfs Inszenierung sein könnte, denn was gäbe es schöneres, als der Ring der Nibelungen als entartete Kunst?

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23 Antworten zu „Künstlerische Ring-elreihen“

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Den „Ring“ ohne Worte ertrag‘ ich wohl. Nur wenn die sangesgewaltigen Mimen anheben, gegen das Orchester anzusingen, dann sträuben sich mir die Nackenhaare. Ich fürchte, ich bin ein Kunstbanause, denn ich ziehe den Johnny Seppel Bach dem Wagner allemal vor.

  2. sirdoom schreibt:

    Ich bin schockiert, wie kann man den frickelnden Bach dem national-geschwängerten Donnergrollen Wagners vorziehen? Immerhin ist Bach Kultur, aber NUR, wenn er in einer christlichen Kirche auf einer mindestens 400 Jahre alten Orgel gespielt wird! 😉

  3. The Nightwatcher schreibt:

    „Denn Kunst ist keine eingefrorene, statische Angelegenheit. Kunst erfindet sich neu, verändert sich, lebt von ihrer Umgebung. Wer sowas nicht mag und immer nur dieselbe Auslegung aus der Konserve sehen will, hat dazu jedes Recht, dafür gibt es sicherlich die passende HD-Aufnahme …“
    Markige Worte von einem Mann, der oft genug gegen Reboots und Fortsetzungen wettert, fällt doch auch das Medium Film in seiner ganzen Breite unter Kunst …
    … ich mein ja nur …

    Ansonsten stimme ich Dir aber zu … ^^

  4. lawgunsandfreedom schreibt:

    Bach’s Orgelkonzerte sind ganz nett, aber ich ziehe sein Wohltemperiertes Klavier oder die Brandenburgischen Konzerte vor.

    Und wenn ich Donnergrollen hören will, dann habe ich Gustav Holst, Basil Poledouris, John Williams und Klaus Badelt 😉

  5. sirdoom schreibt:

    Mehr gegen Reboots als gegen Fortsetzungen, aus leidlicher Erfahrung. 😉

  6. sirdoom schreibt:

    Und ohne die Brandenburgischen Konzerte gäbe es auch Stirb Langsam nicht so wie wir es kennen 😀

    Daumen hoch für Holst, Poledouris und Williams! 🙂 Badelt hat Piraten der Karibik mit Zimmer gemacht und *grübel* Equilibrium?

  7. The Nightwatcher schreibt:

    Aber ist ein Reboot nicht so etwas, wie eine Neuinszenierung und damit eine neue Interpretation des Stoffs im kulturellen Kontext der Zeit!? 😉

  8. sirdoom schreibt:

    Ah, ich fauler Sack hätte ja auch selbr schauen können 😉 Da sind durchasu einige nette Sachen dabei, ich hätte ihn bloß imho nicht in eine Reihe mit Holst, Poledouris und Williams gestellt.

  9. sirdoom schreibt:

    Joa und das ist auch absolut legitim. Die Erfahrung der letzten Jahre lehrt bloß leider, dass zumindest im Filmbereich es häufig genug vorkommt, dass diese Neuinterpretation komplett entkernt wurde, bar jeder Botschaft ist oder einfach nur scheiße oder belanglos ist. Allerdings lasse ich mich immer gerne vom Gegenteil überzeugen 😀

    Und man muss nicht 5 Jahre nach Erscheinen eines Films ein Reboot machen… 😉

  10. The Nightwatcher schreibt:

    Ich stimme Dir da wieder völlig zu, aber ist der Gedanke, dass diese „Entkernung“ und „Abstumpfung“ als kultureller Kontext unserer Zeit zu sehen ist, nicht irgendwie traurig und gruselig zugleich!?

  11. sirdoom schreibt:

    Ja, ist es irgendwo. Nein, denn es gibt ja immer noch genug Positivbeispiele.

    Allerdings hat Spielberg ja für 2014/2015 einen Zusammenbruch des Hollywood Studiosystems vorrausgesagt – es kommen zig „Blockbuster“ mit Budgets jenseits der 150mio U$D raus, wenn die übliche Quote floppt sind danach min. zwei große Studioas pleite – da die Großprojekte Unmengen an Geld verschlucken, gerade deshalb auf den KLEINSTEN gemeinsamen Nenner hin produziert werden und damit immer öfter beim Zuschauer durchfallen. Danach wird es 3-4 Eventfilme für 50€ Eintrittsgeld geben und ansonsten HBO&co. Sagen Spielberg und Lucas 😉

  12. The Nightwatcher schreibt:

    Hmmm, 50 Öcken fürs Kino, das ist ja dann schon fast wieder Theater, d.h. viele Doofköppe bleiben dann hoffentlich fern … wenn man dass dann noch mit mehr Platz und Service an den Tisch kombiniert, dann gerne!

  13. sirdoom schreibt:

    +1 oder wie man das heutzutage sagt 😉

  14. pseudo-anonymous schreibt:

    Wagners Werke (insbesondere Wagners Nibelungenverwertung) hinterlassen auf mich ungefähr denselben Eindruck wie die Berliner Gebäudeplanwünsche der Führung des Dritten Reiches: pompös, überladen, krampfhaft episch, größer als das Leben. Es gibt nicht umsonst das geflügelte Bonmot, daß es erst vorbei sei, wenn die beleibte Dame singt.

    Da halte ich mich lieber an die beiden Rivalen Puccini und Franchetti. 🙂

  15. sirdoom schreibt:

    Das ist wie mit dem „cool sein“. Wer es krampfhaft versucht, wird es nie sein 😉 Wobei Wagner natürlich schon seine Momente hat, man muss sie bloß innerhalb des Cinescope-Epik-Gekleisters entdecken.

  16. Cunningham schreibt:

    Ihr verkackten alternativ-sozi-kommunisten-hippies diskutiert hier tatsächlich über Wagner…

    Ich wusste schon immer, dass die Dicherter und Denker überbewertet werden und jetzt kann ich meinen Goethe endlich verbrennen… BRENNE GOETHE! BRENNE FAUST!

  17. sirdoom schreibt:

    Von Satan sind ähnliche Ausrufe bekannt, da er sich in seinem Wirken von Goethe falsch dargestellt sah und ihn beim Landgericht Hamburg verklagt und natürlich – Landgereicht Hamburg – gewonnen hat. 😛

  18. Pingback: “Review – Only God Forgives” |

  19. pseudo-anonymous schreibt:

    War Goethe nicht dieser erbärmliche Frauenheld und selbstverliebte Möchteschöngeist und Wichtigtuer, der sich feige in seinem Schlafzimmer versteckte, als (französische?) Soldaten seine Werke vernichten wollten und eine Frau ebendiese Werke davor bewahrte und genau deshalb vom dankbaren Wolferl geheiratet wurde? 😉

    Oder hat mich mal wieder mein Gedöchtnis [sic] im Stich gelassen? 😐

  20. sirdoom schreibt:

    Im Geschichtsbuch um die Ecke steht etwas neutraler “ Am 14. Oktober 1806 trat Christiane [Goethe] eindringenden Soldaten energisch entgegen und konnte die Plünderung so lange aufhalten, bis Goethe den offiziellen Schutz des französischen Kommandanten erreicht hatte. Wenige Tage später, am 19. Oktober 1806, wurden beide in der Jakobskirche getraut.“ 😉

  21. Cuningham schreibt:

    Also Pseudos Variante gefällt mir besser…

    Zumal ich es mit Johann Georg Adam Forsters* aussage halte: Goethe, dieser Schwätzer

    *Schreiber auf Captain Cooks Reise auf der Endeavour.

  22. pseudo-anonymous schreibt:

    Wenn ich mich nicht arg irre, dann hatten Goethe und Schiller ihr Ansehen und ihren Mythos als Genies zur damaligen Zeit zwar durchaus verdient, allerdings wie kleine, verkappte Rockstars regelrecht zelebriert und bei jeder Gelegenheit ausgelebt.

    Sicher, ich bewundere die beiden für ihr Können und Schaffen, natürlich würde ich gerne Werke von vergleichbarer Zeitlosigkeit und von ähnlichem Niveau schaffen, jedoch gilt meine Bewunderung keineswegs ihrem deutlichen Geltungsbedürfnis oder ihren Profilneurosen (bei deren Ausprägung man heutzutage wohl von Minderwertigkeitskomplexen reden würde, vermute ich).

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