„Die Angst vor dem Mindestlohn“

Wie auch immer das genau aussehen wird, aber der Mindestlohn wird kommen. Die Koalitionsverhandlungen von CDSU und SPD drehen sich nur noch um das wann und wie genau. Was natürlich manchen Wirtschaftlenker auf den Plan ruft. Aus der Automobilindustrie melden sich die Chefs von Daimler, VW, BMW und Opel zu Wort und kündigen schon mal Abwanderungspläne an [Link]. Auch das Institut der Arbeitsagentur warnt vor Jobabbau, allerdings doch vergleichsweise gemäßigt [Link].

Die Angst vor dem Mindestlohn - LogoMan muss dazu wissen, dass Deutschland schon lange eine Form des Mindestlohnes hat, nämlich das Verbot von Lohnwucher. Diese sittenwidrige Ausbeutung liegt vor, wenn die Arbeitsvergütung nicht einmal zwei Drittel eines in der betreffenden Branche und Wirtschaftsregion üblicherweise gezahlten Tariflohns erreicht. Leider gibt es hierbei ein gehöriges Vollstreckungsdefizit, aber nichtsdestotrotz: Mindestlohn haben wir eigentlich schon. Das wird jetzt nur mal von Einzelfallbetrachtung auf Standard hochgewertet. Und natürlich werden dabei einige Jobs verschwinden. Aber was für Jobs sind das? Wo eh aufgestockt wird? Da ist es doch billiger wenn ein paar Jobs wegfallen und der Rest halbwegs anständig bezahlt wird und in die Rentenkasse einzahlen kann. Und bei geplanten 8,50€ reden wir jetzt ja auch nicht über „römisch dekadente“ Lohnhöhen. Wenn das wirklich ein Problem darstellen würde, wäre der Aufschrei der Industrie auch wesentlich lauter.

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24 Antworten zu „Die Angst vor dem Mindestlohn“

  1. flippah schreibt:

    Ich sehe das Problem durchaus ein bisschen anders. Und zwar nicht in der Autoindustrie. Für die gilt tatsächlich vollumfänglich das von dir geschilderte.
    Problematisch ist, dass wir in Deutschland ein durchaus unterschiedliches Preisniveau haben. So schilderte mir ein Kollege mal, wie er früher in Neubrandenburg von seinem Sachbearbeitergehalt fürstlich leben konnte, während es heute in Hannover mit einer höheren Gehaltsstufe deutlich knapper zugeht.
    Und Hannover ist nun nicht die Obergrenze des Preisniveaus, es gibt ja noch München, Frankfurt und dergleichen.
    Daher bin ich für einen regional bestimmten Mindestlohn. D.h. es gibt zwar überall einen, aber er wird je nach Landkreis (oder ähnlich) bestimmt, so dass eben überall der Grundsatz gilt, dass von einer Mindestlohn-Vollzeitstelle 2 Personen anständig leben können – eben in ihrem lokalen Preisniveau.
    Das kann dann bedeuten, dass der Mindestlohn in München doppelt so hoch ist wie in Görlitz.
    Was passiert, wenn man den Mindestlohn bundeseinheitlich macht?
    In den Gebieten, wo er zu niedrig ist, passiert garnichts. Evtl. werden die Löhne dadurch gedrückt mit dem Verweis, dass man ja immernoch über dem Mindestlohn liegt.
    In den Gebieten, wo er zu hoch ist, wird die ohnehin schwache lokale Wirtschaft abgewürgt.

  2. 3-6 schreibt:

    Abgesehen von den lokalen Problemen (In München kann man von 8,50€ wohl kaum leben, in Freyung wahrscheinlich schon ein Haus finanzieren.) würde ein politisch bestimmter Mindestlohn zwangsläufig Thema in jedem Wahlkampf. Das kann niemand wollen, außer natürlich den Politikern, die bequem auf Stimmenkauf gehen. Viele Abgeordnete zahlen für ihre Angestellten teilweise weniger als 8,50€ – und die könnten es sich wirklich leisten.

    Abgesehen davon ist es ziemlich hochnäsig, arbeitenden Menschen einfach ihre Existenzberechtigung abzusprechen. Gerade bei Geringqualifizierten sind diese Tätigkeiten eine Möglichkeit zum Fähigkeitserwerb und Aufstieg. Selbst wenn ihre Berufstätigkeit bezuschusst wird, bestreiten sie immerhin einen Teil ihres Lebens eigenständig. Das kann man gar nicht hoch genug bewerten.
    Davon ab ist auch falsch: es ist immer billiger, nur einen Teil der Sozialhilfe zu zahlen, als volle. Und einen Beschäftigungseffekt hat es auch – die Lohnnebenkosten sinken.

    Aber das muss man als Linker wohl nicht wissen 😉 Da hat die Realität eh zuviel Einfluss auf die Tralalawelt, in der man lebt 😉

  3. sirdoom schreibt:

    Also was regionale Unterschiede angeht, verstehe ich den Gedanken durchaus und dass nicht im Bundestag über die Höhe des Mindestlohns abgestimmt werden sollte, da gehe ich d’accord.

    Aber ich ich sehe einfach nicht wie Tätigkeiten eine Möglichkeit zum Fähigkeitserwerb und Aufstieg bieten sollen, wenn es Sklavenarbeit ist, bei der die Menschen ausgebeutet werden und Fortbildung eh nicht stattfindet, bzw. die Möglichkeit dazu nicht besteht, geschweige denn für irgendeine Form von Aufstieg.

  4. 3-6 schreibt:

    Allein schon dadurch, dass jemand dauerhaft Kontakt zu Kunden hat, kann die Person beruflich weiterbringen. Und es gibt auch Berufe, die von Trinkgeld leben, weniger vom Gehalt der Firma.

    Die Alternative zu geförderter Geringentlohnung sind Harz-IV-Zombies in Kaschemmen am Rand der Stadt, die kein gerades Wort sprechen können. So. 😉

  5. sirdoom schreibt:

    Gibt es noch eine dritte Alternative zu römisch dekadenten staatliche Hilfe-Zombies und beschäftigten aber ausgebeuteten Sklaven? 😉

  6. 3-6 schreibt:

    Freie Bürger. Aber das kommt in „Deiner“ Welt ja auch nicht vor 😛

  7. sirdoom schreibt:

    „Weniger“ als in „deiner“, aber durchaus. Ich denke bloß, dass wir in D nicht genug automatische Knarren haben, damit frei Bürger den Aufstand proben und Gerechtigkeit herstellen. Und in gewisser Hinsicht ist das auch gar nicht so verkehrt… 😛

  8. pseudo-anonymous schreibt:

    Am Rande: wir leben in einem Rechtsstaat, nicht in einem Gerechtigkeitsstaat. 😉

    Was lokale Mindestlöhne angeht, bin ich dafür, wenn man die Industrieverteilung demographisch innerdeutschlands erhalten oder fördern möchte. Was zu niedrigen Mindestlohn in zum Beispiel München angeht, sehe ich aber kein Problem – wenn man sich das nicht leisten kann, geht man für so einen mickrigen Lohn nicht arbeiten und die zu erledigende Arbeit bleibt liegen. Das ist meines Wissens nach jetzt auch nicht viel anders.

    Was „freie“ Bürger angeht, bin ich ambivalenter Meinung. Solange ich nicht den Eindruck gewinne, daß eine Person Selbstbewußtsein entwickelt (hat) (im Sinne von sich seiner selbst (und der Bedeutung eines selbst) bewußt zu sein), halte ich es wie die Marxisten: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Kommt in die Schublade „blöd wie Bachsand und will es nicht anders.“
    Sollte die Person unter anderem ein wenig Aufmerksamkeit, Verantwortungsbewußtsein und Vernunft zeitigen, dann halte ich es wie die Existentialisten: „Das Bewußtsein bestimmt das Sein.“ Diese Personen sind mir sympathischer und ich bin geneigt, ihnen zu helfen und meine Zeit zu widmen zwecks gegenseitiger Geistesbefruchtung.

    Bin ich zu rabiat? 😐

  9. farmerboy schreibt:

    Naja, und wer beurteilt wer nun genügend „Selbstbewusstsein“ entwickelt hat und wer nicht?
    Ich meine, ich übernehme den Job gerne, aber ich fürchte das will niemand so wirklich ^^

  10. Cunningham schreibt:

    Ja bist Du.

    Der gute Mensch in mir sagt:
    Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie diese mit ihren schwachen Mitlgiiedern umgeht, mit ihren kranken, ihren alten, ihren unproduktiven und ihren Kriminellen. Ja, danach ist die aktuelle deutsche Gesellschaft viel weniger Wert als ein leerer Sack.

    Der Christ in mir sagt:
    Die wichtige Frage ist nicht, was kann der einzelne für die Gesellschaft tun, sondern was kann die Gesellschaft für den einzelnen tun. Denn aus dem gemeinsam für jemand anderen da sein, da wächst die Gesellschaft zusammen, daraus erneuert und verbessert sie sich selbst.

    Der Demokrat in mir sagt:
    Wir alle sind Bürger und daraus ergibt sich in erster Linie, dass wir Rechte haben und tatsächlich erst in zweiter Line Pflichten. Wir sind nämlich keine Untertanen mehr.

    Wir haben zuviele Menschen für zuwenig Arbeit. Wir haben Maschinen entwickelt, die uns die Arbeit erleichtern und haben dadurch geschafft, dass manche Arbeitsplätze einfach wegfallen.
    Und wir als Gesellschaft müssen uns folgende Frage stellen: Was ist ein menschliches Leben wert? Und sind wir bereit, diesem Menschen seine Würde zuzugestehen auch wenn er uns nichts zurückgeben kann?

  11. 3-6 schreibt:

    Cunny, ich glaube für die Bewertung als „guter Mensch“ fehlt Dir ein Maßstab.

    Hart gesagt:

    Die Menschen, die heute alt sind (alt= 60-80), haben ihr Leben lang nicht dafür gesorgt, unsere Systeme vernünftig vorzubereiten. Die Zeche zahlen die Jungen (jung=0-40).

    – Wir wussten, dass die Menschen älter werden. Es wurde erst vorgesorgt, als es zu spät war. Zahlen für die Alten werden die Jungen. Sie selber gehen später leer aus.
    – Wir wussten, dass es weniger arbeitende als nicht arbeitende Menschen geben wird. Es gibt keine wirksame Vorsorge im Rentensystem, die Lücken für die Alten füllen die Jungen, sie selbst werden später leer ausgehen.
    – Wir werden immer kränker, weil wir immer älter werden. Je weniger junge Gesunde es gibt, desto schwieriger die Versorgung der Kranken. Jetzt wird es noch querfinanziert, bald wird das nicht mehr möglich sein. Da die Alten die größte und zuverlässigste Wählergruppe sind, werden sie die Jungen ausplündern, bis nichts mehr geht.

    Die Liste kann man wohl beliebig fortführen.

    Es wird aber absehbar Schluss sein mit diesem Herumlavieren. Als Bürger kannst Du gern die Pflichten vernachlässigen und die Rechte einfordern. Bis das Staatswesen sich zerlegt und alle die, die in keine tragfähige Gruppe eingebunden sind, verloren haben.
    Also Kinderlose zum Beispiel. Ohne Sozialsysteme werden sie betteln müssen. Und dies wird nur erfolgreich sein, wenn andere genug übrig haben.

  12. sirdoom schreibt:

    Ach, ganz so Gesellschaftsuntergangsmäßig seh ich das nicht. Früher oder später wird es Renten-Hartz4 für alle geben, Arbeitszeitsverlängerung auf 70 und man lässt die Japaner und Chinesen mal dran basteln was zwischen technischen Altenpflegehilfsmitteln und Import-Pflegern als kostengünstigster Mix rauskommt. Ich sage nicht, dass das schön wird, aber wenn sie es nicht total versauen, wird es auch kein kompletter Untergang.

    Ein ganz anderer Punkt ist die Automatisierung der Arbeit. Da werden wir auch um bislang nicht denkbare Lösungen nicht drumrum kommen. Vormals sind ja meist nur grobmotorische Produktionsplätze durch Maschinen ersetzt worden. Mittlerweile sind wir aber an dem Punkt angelangt, wo dank gewaltigen Fortschritten in Computerisierung, Robotik und Datenverarbeitung mittelfristig quasi KEIN Arbeitsplatz vor der Streichung steht.

  13. 3-6 schreibt:

    Genau – später, wenn die „Rentenbezieher ihr Erwerbsleben lang für die dann toten Verursacher der Misere gelitten haben.

    Diese Geschichte, das es zu wenig Arbeit gibt weil ja alles technisiert wird, wird durch Wiederholung nicht richtiger.

    Man muss sich eben so gut qualifizieren, wie es nur irgend geht. Bei den Quoten an Menschen, die die Hauptschule nicht schaffen (=Erwerb der grundlegenden Schreib- und Lesefähigkeit), sind wir als Gesellschaft wohl mit dem Fordern nicht hart genug.

  14. sirdoom schreibt:

    >>In dem Augenblick, in dem autonomes Fahren gut funktioniert, sind plötzlich 500.000 bis 800.000 Menschen arbeitslos“ warnt CCC-Sprecher Frank Rieger im Interview mit Technology Review. „Die Übergangsphase beträgt nur drei bis fünf Jahre. Und keine drei Jahrzehnte wie früher.“<>“Nehmen wir mal das mittlere Management in Großkonzernen – der Einkauf“, sagt Rieger. “In dem Moment, in dem ich einen Rahmenvertrag habe, kann ich den restlichen Einkauf über Edifact oder verwandte Software-Protokolle abwickeln. Da brauche ich keine Leute mehr, die Papier hin und her schieben.“<>So fallen möglicherweise 47 Prozent aller Jobs in den USA in naher Zukunft sehr wahrscheinlich der Automatisierung zum Opfer. Zu diesem Schluss kommt eine kürzlich veröffentlichte Studie der Oxford Martin School (Frey & Osborne: „The Future of Employment“, 2013).<< [Link]

    Klar muss man sich Qualifizieren. Aber wir reden hier mittlerweile von einem Technikschwung, der so breitflächig und in kurzer Zeit kommt, dass für die Masse der Menschen einfach kein "Platz" mehr in der Arbeitswelt ist. Da kannst du fordern/fördern wie du willst…

  15. Cuningham schreibt:

    Vielleicht sind wir aber auch mit dem Helfen nicht hart genug.

  16. Cuningham schreibt:

    Erzähl mir doch mal bitte, woher die Leute, die heute alt sind hätten wissen sollen, dass es mehr nicht arbeitende als arbeitende Menschen geben wird?
    Die waren doch damals froh, dass Italiener als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, damals gab es nicht genügend Arbeiter für die vorhandene Arbeit.

    Und ohne Menschen, die in der Vergangenheit ihre Rechte eingefordert haben, statt ihren Pflichten nachzukommen, hätten wir nichts als Pflichten und wären immer noch Untertanen.

  17. 3-6 schreibt:

    Naja, als der seelige Nobbi Blüm seine „Die Rente ist sicher“-Reden geschwungen hat, war das denkenden Menschen schon klar, dass es eben NICHT so ist. Demographie ist ja keine Raketentechnik, außerdem war die Arbeitslosigkeit damals höher als heute.

    Wenn Du zur Gründungszeit der BRD einem durchschnittlichen Menschen gesagt hättest, dass gesunde Menschen mal daheim sitzen werden, weil sie nicht ihren Traumjob bekommen, weil sie zu dumm für diesen sind, die Allgemeinheit das aber finanziert – er hätte Dir nen Vogel gezeigt.

  18. pseudo-anonymous schreibt:

    Vielen Dank für die vielen und vielseitigen Beiträge, es war ein Genuß, das zu lesen. 🙂
    Auch wenn die Zukunft alles andere als ein Genuß zu werden scheint. 😦

  19. pseudo-anonymous schreibt:

    Das beurteile ich für meinen selbstgewählten Bekannten- und Freundeskreis. Und jeder andere für sich, oder auch nicht, ganz nach plaisîr. 😉

  20. pseudo-anonymous schreibt:

    Seit einiger Zeit kategorisiere ich meine Mitmenschen in zwei Lager. Sozial und asozial, oder meinetwegen auch konstruktiv und destruktiv. Konstruktiven Menschen bin ich bereit, zu helfen und ich bin dafür, daß diese von der Gemeinschaft getragen, gefördert und gefordert werden.

    Destruktive Menschen gehören meiner Meinung in Arbeitslager in Sibirien, wo sie Steine klopfen. Es gibt Regeln, an die hält man sich, damit man den Mitmenschen und Mitbürgern nicht zu arg auf die Füße tritt. Sobald Grenzen überschritten werden, kann man davon ausgehen, daß es sich toxische Persönlichkeiten handelt, die unbedingt aus der Gemeinschaft ausgeschlossen gehören.
    Einziges Problem ist jemanden zu finden, der unparteiisch und zuverlässig aussortieren kann, ohne daß beim Hobeln zu viele Späne fallen.

  21. sirdoom schreibt:

    Dieses Problem ist ein Klassiker 😉

    [Edit/Erklärung] Wer siebt wen aus ist ein „Klassiker“ hinsichtlich „dieselbe Fragestellung, vollkommen andere Antworten je nachdem wer urteilt.“ Weswegen man da ziemlich vorsichtig sein sollte.

  22. Cunningham schreibt:

    Irgendiwe bin ich grad sprachlos…

  23. 3-6 schreibt:

    Wie auch immer.

    Unsere neue Regierung jedenfalls hat beschlossen, ein wenig dieser Vision schon vorwegzunehmen.
    Ab 2015 wird niemand mehr arbeiten müssen, der in einer Stunde weniger als 20€ Ertrag bringt.

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