„Sprachsauereien – Die Sprachbewahrer sind wieder da“

Alle Jahre wieder wird eine Sprachsau durch das Dorf getrieben. Fremdwörter schleichen sich ins Deutsche ein und verschandeln es. Mit ihrer Zementierung als Supermacht und popkulturellem und wissenschaftlichem Mittelpunkt  gilt dies natürlich insbesondere für das amerikanische Englisch. Ob Anglizismus oder Pseudoanglizimus/Denglisch ist dabei egal, denn jeder Wandel ist grundsätzlich und immer schlecht. Aktuell wird ein Artikel von Chris Melzer durch das „Zwischennetz“ getreten, unter verschiedenen Titeln. „Englisch-Vokabeln, die nur Deutsche verstehen“ und „Das Handy müsste Händy heißen“ – siehe auch Wenn Deutsche Englisch erfinden in der Mittelbayrischen Zeitung und Mit Denglisch knapp daneben in der Passauer Neue Zeitung – sind natürlich der Renner in den üblichen, verdächtigen Kreisen und rufen die üblichen Kommentare hervor [Link: PI-Denglisch].

Sprachsauereien - LogoGefeiert wird natürlich insbesondere der Abschnitt: „Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden„, poltert der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer. „Die Londoner Times hat das einmal als linguistic submissiveness (sprachliche Unterwürfigkeit) bezeichnet. Wenn man bösartig wäre, könnte man auch Arschkriecherei sagen.“ Gegen die Übernahme fremder Ausdrücke sei nichts einzuwenden – so lange sie sinnvoll sei. „Davon kann aber im Verhalten der Deutschen zum Englischen überhaupt keine Rede sein.“ Dieses sei eine Flucht: „Für viele ist ihr Denglisch eine Art selbstgemachter Kosmopolitenausweis nach dem Motto > Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi <.

Und natürlich ist die exzessive Nutzung von Bullshit-Bingo-Bestandteilen störend, aber man sollte vielleicht ein paar Dinge beachten. Die panischen Warnungen vor Sprachpanscherei gab es eigentlich schon immer. Da wurde vor dem französischen und dem britischen Einfluss gewarnt, ganz zu schweigen von den ganzen griechischen Sauereien. Und die Warnungen waren irgendwo auch korrekt, Altdeutsch spricht keiner mehr.

Eine lebendige, gesprochene Sprache verändert sich. Sie bedient sich bei anderen Sprachen und entwickelt sich weiter. Statische Sprachen sind tote Sprachen, die höchstens künstlich am Leben gehalten werden. Und ein Großteil der eingedeutschten Modewörter verschwindet eh wieder, nur ein Bruchteil davon hält sich längerfristig. Aber darum geht es dem „Sprachbewahrer“ auch gar nicht. Der fürchtet sich. Vor Kolonialherren, Ausländern, Technik und Farbfernsehen. Mit Sprache hat die Kritik der „Sprachbewahrer“ eigentlich immer recht wenig zu tun.

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3 Antworten zu „Sprachsauereien – Die Sprachbewahrer sind wieder da“

  1. Gondrino schreibt:

    Du liest die „mittelmäßige“! Ich bin erschüttert äh totaly hammered

  2. sirdoom schreibt:

    Nope, ich habe nur mal kurz nach Melzer gegoogelt und bin dabei auf die ausufernde Mehrfachverwertung gestoßen. Was gibt es denn so über die „Mittelmäßige“ zu berichten? 🙂

  3. sirdoom schreibt:

    Wie sich „because“ von „weil“ in „wg.“ verwandelte. Von wegen Selfie oder Bitcoin: Amerikanische Linguisten haben „Because“ zum Wort des Jahres 2013 gewählt. Denn es ermöglicht im Englischen eine nützliche Kurzform, die wir im Deutschen längst haben. [Link]

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