„Familiengeschichten – Willkommen im 21. Jhd.“

Das 21. Jahrhundert. Eine Welt der Toleranz und Aufklärung. Zumindest in Europa, oder? Da müssen Minderheiten keine Angst mehr haben. Und gerade in Deutschland regt sich niemand mehr auf, wenn sich jemand als homosexuell outet. Muss man eigentlich gar nicht mehr, weil das so normal ist. Aber es gab ja gerade den Testfall dazu mit Hitzlsperger, Blüm und Baden-Württemberg.

Familiengeschichten - 21JHD - LogoDer ehemalige Fussball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich als homosexuell geoutet, was im Fussball immer noch eine Besonderheit darstellt. Neben viel Lob kam natürlich umgehend der „nachvollziehbare“ Vorwurf auf [Warnung: Link führt in rechte Gefilde], dass es sich hierbei um eine Kampagne zur „Zwangshomosexualisierung“ der Gesellschaft handelt, weswegen Hitzlsperger natürlich den Tod o.ä. verdient. Mal ganz abgesehen von den üblichen islamistischen und christlich-fundamentalistischen Kreisen, finden sich zumindest ähnliche Einstellungen auch in erstaunlich vielen, offiziell gemäßigteren Kreisen wieder.

Weswegen es jetzt auch eine Petition gibt, um den Untergang des Abendlandes in Baden-Württemberg zu verhindern. Da gibt es nämlich einen Entwurf für einen neuen Bildungsplan. Der Entwurf enthält einen neuen, besonderen Gesichtspunkt: Auch Wissen über „sexuelle Vielfalt“ soll durch die Bildungsplanreform fest im Lehrplan verankert werden – nicht als eigenes Fach oder Leitlinie, sondern als fächerübergreifend zu vermittelnder Aspekt. Das Kultusministerium möchte so Kinder darin bestärken, sich selbst und ihr Gegenüber mit Wertschätzung zu betrachten. Eine offene und tolerante Gesellschaft ist das Ziel [Link]. Hört sich brutal an, oder? Deshalb gibt es bei OpenPetition auch eine Petition, um diesen Bildungsplan zu verhindern [Link: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens]. Hört sich vom Inhalt zuerst gar nicht so schlimm an, es sei den man achtet auf die Codewörter der „Szene„. Haltet mal Ausschau, während die Moderatoren der Seite damit beschäftigt sind die Morddrohungen gegen Homosexuelle zu löschen. Ein übersichtliches Meinungsbild zu den „Kotstechern“ findet sich bei den üblichen Verdächtigen [LinkWarnung, Link führt in rechte Gefilde].

Und dann gibt es da noch den Norbert Blüm, der in der FAS in einem Artikel die Gleichstellung homosexueller verpartnerter Paare sowie die seit 2001 vorherrschende ständige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes angreift [Link: Blüm greift Verfassungsgericht an]. Blüm schreibt, die Richter hätten sich „kurzerhand über eine gefestigte, langjährige Rechtsprechung hinweggesetzt„. Was natürlich absolut kein Argument ist, schließlich waren Sklaverei, Judenverfolgung, kein Wahl- und andere Rechte für Frauen, Kinderarbeit, usw. auch „gefestigte, langjährige Rechtsprechung„. Blüms anderen Moneyquote lasse ich mal weitgehend unkommentiert wirken: Der Fall sei Ausdruck einer „hastenden gerichtlichen Assimilation an die launische Wechselhaftigkeit dessen, was gerade >> in << ist„, die in Karlsruhe häufig zu beobachten sei… Genau, denn Homosexualität ist eine Erfindung des 21. Jahrhunderts…

Die Familie ist die Elementareinheit der Gesellschaft, die auf ihr Weiterleben angelegt ist. Diese Funktion vermögen gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht einzulösen. Kinder, ihr Kommen und Gedeihen, spielen offenbar beim Hohen Verfassungsgericht eine niedere Rolle.“ Neben gewissen unschönen Implikationen der „Szene“ macht Blüm hauptsächlich klar, dass er das Ehegattensplitting nicht versteht. Da geht es nämlich nicht um Kinder und Fortpflanzung, sondern um eine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft gleichberechtigter Partner, in die die Ehegatten oder Partner das oder die Einkommen in einen gemeinsamen Topf fließen lassen und in gleichrangiger Weise am Gesamteinkommen teilhaben. Für Kinder gibt es schließlich Kindergeld.

Sehen wir es positiv: Es gibt ja auch noch das 22. Jahrhundert…

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13 Antworten zu „Familiengeschichten – Willkommen im 21. Jhd.“

  1. sirdoom schreibt:

    Zeit Online: Hetze aus dem Schwarzwald
    Was mir echt neu war: „Manche nennen diese Gegend im Schwarzwald „Pietkong“, denn dort lebten viele strenggläubige, pietistische Christen.“ Muss ich mir merken!

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Einerseits begrüße ich, daß Homosexuelle die ihnen zustehenden Rechte so nach und nach endlich bekommen, andererseits nervt mit die Berichterstattung sowohl der Gegner als auch die der Befürworter gewaltig. Ich habe ein paar Schwule Freunde, die das genau so sehen. Diese Überbetonung auf etwas, worüber man gar nicht groß reden und nachdenken müsste, wenn Ideologie und Bigotterie (beides Ausflüsse aus unserer „christlichen“ Gesellschaft) etwas weniger verbohrt wären.

    Die eine Seite betreibt negative Diskriminierung, indem sie die Homosexuellen herabwürdigt und ihnen ihren Status als ganz normale Menschen abspricht, die andere Seite betreibt positive Diskriminierung indem sie einem den Lebensstil von grade mal 8 – 10% der Bevölkerung extrem prominent um die Ohren haut.

    Das sind übrigens dieselben Leute, die einen Extrem-Feminismus und Extrem-Genderismus vertreten. Die mag ich genau so wenig wie die extrem konservativen Betonköpfe. Alle in einen Sack und kräftig draufhauen. Es erwischt immer die richtigen.

  3. sirdoom schreibt:

    ^^Ach, was wäre das toll, wenn man sich damit einfach nicht weiter beschäftigen müsste und ein aufgeklärter Zustand von Normalität einsetzen würde… *hach*

  4. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ein schöner Traum. Allerdings war das bei unseren Vorfahren überhaupt kein Thema (zumindest kein gravierendes. Bei den Griechen galt es in späten Zeiten ein wenig anrüchig, wenn sich ein älterer Mann einen jugendlichen Liebhaber suchte). Diese Homophobie bzw. diese wirre Denke kam erst mit den abrahamitischen Religionen so richtig auf.

    Gleichgeschlechtliche Partnerschaften gab es bei den meisten heidnischen Zivilisationen und das war überhaupt kein Problem. Erst mit der Ausbreitung des jüdisch-christlichen und später des muslimischen Glaubens, begann die Stigmatisierung, Diskriminierung und Verfolgung.

    Mit ein Grund, warum ich diesen kleinen Strumgott-Emporkömmling aus dem Nahen Osten und sein Bodenpersonal so ablehne. Als Heide bin ich nach den Schriften der 3 großen abrahamitischen Religionen ja dem Tode geweiht … gut, daß das nur wenige dieser Sektierer wörtlich nehmen. Vermutlich weil sie ihre eigenen Schriften nicht gelesen haben.

    http://www.snopes.com/politics/religion/drlaura.asp

  5. sirdoom schreibt:

    Alles Marketing: Wenn sie dich ohne Repressalien steinigen könnten, würden sie es doch wahrscheinlich tun. Zumindest würde ich nicht drauf bauen, dass sie es nicht machen 😉

  6. lawgunsandfreedom schreibt:

    Zustimmung! Sobald allerdings der erste Stein in meine Richtung fliegt, würden ein paar dicke Garben Schrot zurückfliegen. Eine Ladung Gummischrot zur Warnung – wenn das nicht reicht, dann gibt’s Sauposten und Slugs.

    Den Göttern sei Dank, daß wir in einer ausgesprochen friedlichen Zivilgesellschaft leben. Da ist es ausgesprochen unwahrscheinlich, daß so etwas passiert.

  7. sirdoom schreibt:

    Und AfD-Oberhoncho Bernd Lucke darf natürlich nicht fehlen – AfD-Chef kritisiert Hitzlspergers Coming-Out

    Moneyquote: „Ich hätte es gut gefunden, wenn Herr Hitzlsperger sein Bekenntnis zu seiner Homosexualität verbunden hätte mit einem Bekenntnis dazu, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind.“

  8. farmerboy schreibt:

    Und jetzt bitte einen draufsetzen: *Hitzlsperger* „Ich bin für Ehe, Familie und Kinder, und deshalb werde ich meinen Partner heiraten und ein Kind adoptieren..“
    Das hätte doch mal was 😉

  9. sirdoom schreibt:

    *muahahaha* Das wäre ja nur zu lustig*ggg*.

    Du hast aber dein obligatorisches Bekenntnis dazu, dass „Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind“ vergessen. Das muss man jetzt jedesmal machen 😉

  10. XDragoon schreibt:

    Ehe und Familie sind für unsere Gesellschaft konstitutiv – und es wird Zeit, dass wir diesen Umstand aus der tiefsten Vergangenheit bewältigen!

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