„Vertriebsverbot auf Zuruf“

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) veröffentlicht  „Ökonomie und Gesellschaft“, wo in einzelnen Beiträgen ökonomisch geprägte politische und gesellschaftliche Probleme aufgearbeitet werden. So weit, so absolut unspektakulär und langweilig. Aber es gibt ja noch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e. V. (BDA), der arbeits- und sozialpolitische Spitzenverband der gesamten deutschen Wirtschaft. Und da hatte jemand einen kleinen Wutanfall, denn drei der neun Beiträge aus „Ökonomie und Gesellschaft“ werfen kritische Perspektiven auf wirtschaftspolitischen Lobbyismus und greifen alternative, auch soziologisch fundierte wirtschaftstheoretische Ansätze auf. Alles komplett harmlos, ABER Lobbyismus anprangern geht gar nicht! Also musste etwas getan werden!

Vertriebsverbot auf Zuruf - logoDer BDA hat also mal kurz beim Bundesministerium des Innern (BMI) angerufen und Alarm geschlagen. Mit nicht ganz einwandfreien Argumenten…

In skandalisierender Absicht hat die BDA den Autor/innen Zitate zugeschrieben, die nicht von ihnen stammen, Zitate verkürzend aus dem Kontext gerissen und Zitate durch nicht markierte Auslassungen verfälschend dargestellt. Zum Teil werden als Beleg für die Kritik auch Zitate aufgeführt, die aus Zeitungsartikeln entnommen wurden, die in den Unterrichtsmaterialien abgedruckt sind.“ [Quelle bpb]

Das Bundesministerium des Innern (BMI) untersagte umgehend den Vertrieb von „Ökonomie und Gesellschaft“, obwohl man wusste, dass die Vorwürfe strittig bis nicht existent sind. Während man der Anklage des BDA einfach mal so glaubte, hat man den Autoren/Urhebern übrigens bislang keine Möglichkeit zur Rechtfertigung gegeben. Ironie: Die ganze Geschichte ist ja selbst ein Beispiel für die Gefahren des Wirtschaftslobbyismus.😉

[Update]Frag den Staat hat den kompletten Schriftverkehr des BDA an bpb und BMI via Informationsfreiheitsgesetz befreit: BPB-Publikationsverbot – Dokumente

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7 Antworten zu „Vertriebsverbot auf Zuruf“

  1. sirdoom schreibt:

    SPON dazu: >> Inzwischen hat sich auch der wissenschaftliche Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Fall befasst. Das Ergebnis ist, wie man hört, eine Niederlage für das Innenministerium: Die große Mehrheit der Experten stimmte für eine Aufhebung des Vertriebsverbotes. Aus dem Innenministerium heißt es, man wolle nun „zeitnah über den weiteren Vertrieb“ entscheiden.

    Besonders echauffiert hatte sich Arbeitgeber-Geschäftsführer Clever in seinem Brandbrief übrigens über das Kapitel zum Thema Lobbyismus. Es werde ein „monströses Gesamtbild von intransparenter und eigennütziger Einflussnahme der Wirtschaft auf Politik und Schule gezeichnet“, schrieb er darin.

    Vielleicht ist ja auch der Versuch des BDA, ein Wirtschaftsbuch aus dem Verkehr zu ziehen, künftig ein gutes Beispiel für den Unterricht. <<

  2. Bernd von Fest-Land schreibt:

    Meinungsfreiheit? Ja, so lange, bis eine Meinung zu gültig erscheint. Dann wird diese Meinung und dessen Urheber diffamiert und bekämpft.
    Wir sind heute eine Art Luxus-DDR, mit einem privat geführten Polit-Büro. Die Bonzen sitzen aber selten lokal zusammen, sie beraten per verschlüsselter Videokonferenz.

  3. sirdoom schreibt:

    Wobei jetzt auch nicht übertreiben muss. Solche Lobby-Entscheidungen gab es früher auch, sie sind bloß nicht aufgeflogen.😉

  4. Gondrino schreibt:

    Die Konzerne haben in Deutschland das politische Management schon lange in der Tasche. Ohne die Spenden der Konzerne könnte keine große Partei in Deutschland den nötigen Aufwand für ihre Wahlkämpfe führen. Wer zahlt, schafft an. Dazu kommen noch lukrative Posten für die Zeit nach der politischen Karriere. Und der Wahlbürger nimmt es gelassen hin, also warum sollte sich das politische Establishment sich streng an politische Anstandsregeln halten, wenn es eh die Masse der Wähler nicht interessiert oder zumindest wahltechnisch keine Konsequenzen hat.

  5. sirdoom schreibt:

    Aber wenn man darüber lauthals berichtet und es immer wieder erwähnt, dann wird es zu peinlich! Man kann also schon dagegen angehen.😉

  6. Gondrino schreibt:

    Irgendwie hab ich da schon resigniert. Man kann sicher etwas Sand ins Getriebe streuen, aber die Maschine läuft trotzdem weiter in Richtung Kapitalakkumulation und Entmachtung der Massen. Irgendwie fühlt sich das für mich alles spätrömisch an….

  7. sirdoom schreibt:

    Alleine um Guido Westerwelle nicht als prophetisch darstehen zu lassen, mus man gegen angehen!😉

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