„Patriotismus – My country, right or wrong?“

My country, right or wrong“ wird gerne Stephen Decatur zugeordnet und soll ausdrücken, dass man immer zu seinem Land steht, egal was gerade passiert. Was offensichtliche Probleme aufwirft, denn blinder Patriotismus ist historisch betrachtet meistens eine echt dumme Idee. Ein anderes Problem ist, dass Decatur das so nie gesagt hat. 😉

Our country – In her intercourse with foreign nations may she always be in the right, and always successful, right or wrong.“
– Stephen Decatur, Dinner Toast, Norfolk, Virginia, April 1816, reported in Niles‘ Weekly Register

Was sich so natürlich schon etwas anders liest. Trotzdem wollen wir uns mal eine Antwort auf das verkürzte Zitat ansehen, die auch erklärt, warum ich beim Thema Patriotismus mit Deutschland-Bezug englischsprachige Zitate verwende.

Patriotismus - My country right or wrong - Logo

Our country, right or wrong. When right, to be kept right; when wrong, to be put right.
– General der Unions-Armee Carl Schurz

Womit wir dann beim Brückenschlag sind, denn Carl Schurz war ein radikaldemokratischer Revolutionär und Teilnehmer der Märzrevolution von 1848/1849, der dann ins europäische Exil ging, in die USA auswanderte, Journalist und Anti-Sklaverei-Aktivist wurde, zum Berater von Präsident Lincolns aufstieg und amerikanischer Botschafter in Spanien wurde, um dann im US-Bürgerkrieg/ Sezessionskrieg als General zu dienen.  Danach wurde er  in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt, in dem er den Bundesstaat Missouri von 1869 bis 1875 vertrat. 1877 wurde er US-amerikanischer Innenminister.

Ubi libertas, ibi patria!“ („Wo die Freiheit ist, dort ist mein Vaterland„)
Motto der Forty-Eighters

Man kann sich beim Thema Patriotismus also durchaus auch mit gutem Gewissen auf einen Deutschen berufen. 🙂 Da Schurz‘ autobiografische Erinnerungen nun endlich neu aufgelegt wurden – erstmals in einer umfassend kommentierten Ausgabe – gibt es auch recht aktuellen Artikel über Carl Schurz in der ZEIT. [Link: Lincoln schätzte ihn als Berater, Twain seinen Patriotismus: Der deutsche Revolutionär Carl Schurz]

Ideals are like stars; you will not succeed in touching them with your hands. But like the seafaring man on the desert of waters, you choose them as your guides, and following them you will reach your destiny.“
– Carl Schurz, Faneuil Hall, Boston, 18 April 1859

Es gibt übrigens auch noch eine britische Antwort auf das Argument „My country, right or wrong“ vom Autor der Pater Brown – Romane. 😀

‚My country, right or wrong‘ is a thing that no patriot would think of saying, except in a desperate case. It is like saying, ‚My mother, drunk or sober‘.“
G. K. Chesterton, The Defendant (1901)

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5 Antworten zu „Patriotismus – My country, right or wrong?“

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Tjä – nur daß die meisten Leute blinden Hurra-Patriotismus mit dem echten und durchaus gesunden Patriotismus gleichsetzen. Für diejenigen gilt wohl „Patriotismus = schlecht“. Eine Differenzierung und Klarstellung findet nicht statt. Es reicht, in Orwell’s NewSpeak-Manier zu bestimmen, daß die eine Definition gilt und alles was nicht dieser Definition entspricht „Nahdsi“ ist. Verarmung der Sprache, Verarmung des Geistes und das ausgerechnet im Land der Dichter und Denker …

    Da muß ich leider wieder dran denken, was Schiller seinen Demetrius in Bezug zur Vernunft sagen ließ. Menschlich … allzu menschlich … (was wiederum von einem anderen Philosophen stammt).

  2. sirdoom schreibt:

    Genau deshalb hab ich ja den deutschen und US-Helden Carl Schurz vorgestellt, als positives Beispiel! 🙂

  3. Christian schreibt:

    Ich finde nicht, daß sich das Decatur-Zitat in seiner unverkürzten Form „schon etwas anders liest“. Es sagt eigentlich genau dasselbe, vor allem der letzte Teil des Satzes. Wenn er (wie er vorher sagt) seinem Land wünscht, es möge immer „in the right“ sein, ist das ja noch ein frommer Wunsch, aber dann zu wünschen, daß es sich durchsetzt, egal ob im Recht oder im Unrecht, bringt den Hurrapatriotismus der verkürzten Proletenversion nur etwas elaborierter zum Ausdruck.

    Dassselbe Phänomen hat man ja nicht nur bei Ländern, sondern etwa auch bei der Familie, beim Fußballverein, der Partnerschaft etc. – man steht zu seiner Sippe, egal ob richtig oder falsch. All diese Anhänglichkeiten (den Fußballverein nehme ich mal aus, das ist nur ein Spiel) sind imgrunde zutiefst asozial und ahuman, sobald ihnen bei der Definition der eigenen Identität allzugroßes Gewicht eingeräumt und das Handeln damit letztlich vom (Un-)Rechtsempfinden abgekoppelt wird. Wer billigend in Kauf nimmt, daß das, wofür er Partei ergreift, das Falsche sein könnte, hat den Ehrentitel einer vernunftbegabten Spezies noch nicht verdient.

  4. sirdoom schreibt:

    Christian: Man beachte das Decatur seinen Satz auf die Außenpolitik bezogen hat aber sein verkürztes Zitat gerne auch dazu gebraucht wird innere Maßnahmen der Regierung als unantastbar hinzustellen.^^

  5. Christian schreibt:

    Mon cher Sirdoom, ich würde sagen, daß das eigentlich ziemlich Jacke wie Hose ist. Die Amerkaner sind wirklich arm dran, wenn sie es nicht begreifen. Man stelle sich nur vor, nicht irgendein US-Bürgerkriegsgeneral, sondern z.B. ein Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen hätte das als Ausrede gebraucht, egal ob innen- oder außenpolitisch: „my country, right or wrong“. Was soll denn das? Entweder Sie haben einen funktionierenden moralischen Kompaß oder Sie haben ihn nicht. Ihr country brauchen Sie dafür jedenfalls nicht.

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