„Saudi-Arabien – Der Mordfall Khashoggi“

No body, no crime!“
– Saudi Official

Am 2. Oktober 2018 suchte der saudische Journalist und Kritiker des Königshauses, Jamal Khashoggi, das saudi-arabische Konsulat in Istanbul auf, weil er Dokumente für seine Heirat abholen wollte. Seitdem galt er als vermisst. Und Saudi-Arabien wäre es auch ganz lieb gewesen, wenn die Nachrichtenlage ungefähr so geblieben wäre. Leider haben Regierungsstellen der Türkei und Khashoggis Verlobte wohl schon mit irgendwas gerechnet. Ob man Khashoggi nun absichtlich in die Kreissäge – was durchaus nicht ausschließlich im übertragenen Sinn zu verstehen ist – rennen ließ, oder ob man selber überrascht war, wie schnell das eskalierte, sei mal dahingestellt.

saudi-arabien-der-mordfall-khashoggi-logo

Jedenfalls tröpfeln aus türkischen Regierungsstellen täglich neue Meldungen über die Ermordung Khashoggis im saudi-arabischen Konsulat in die Medien. Und nachdem die Saudis erstmal geleugnet haben IRGENDWAS mit der Sache zu tun gehabt zu haben, musste man nach drei Wochen doch einräumen, dass „was“ passiert ist. Nämlich ein bedauerlicher „Unfall„, saudische Geheimdienstler hatte sich nicht unter Kontrolle, es kam zu einem Kampf und leider ist Khashoggi dabei unbeabsichtigt gestorben, ganz blöd gelaufen. Diese Geschichte glaubt ihnen so natürlich niemand, insbesondere wenn zum saudischen Killerteam bei Anreise  u.a. Salah Muhammed al-Tubaigy, ein forensischer Pathologe, gehörte und man eine Knochensäge dabei hatte. Und da die bislang von der Türkei enthüllten Verdächtigen alle zum Umfeld des saudischen Kronprinzen, Verteidigungsministers und stellvertretende Premierminister, Mohammed bin Salman, gehören, wird es richtig peinlich.

Weswegen jetzt dringend ein Sündenbock gesucht wird und es die ersten tödlichen „Unfälle“ von an der Sache beteiligten Personen gibt [Link: Khashoggi ‚kill squad‘ member dies in ’suspicious‘ road accident]. Nach eigenen Angaben ermittelt Riad gegen 18 Saudis. Namentlich bekannt sind zwei von ihnen: General Ahmad Asiri, Vize-Chef des Geheimdienstes, und Saud Al-Qahtani, einer der engsten Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman [Link: Der General und der Troll]. Aber ob die einfach untergehen und ob das reicht, um das Image des Kronprinzen international zu retten? US-Präsident Donald Trump glaubt den Saudis dabei natürlich jeden Unfug, weil er sie als Verbündete im anstehenden Krieg gegen den Iran braucht und weil sie ihm viele und teure Waffensystem abkaufen.

Und Jamal Khashoggi war auch kein richtiges Unschuldslamm und garantiert nicht der wohlmeinende, liberale Regimekritiker, wie er von manchen Seiten dargestellt wird. Ein ehemaliger Arbeitskollege von ihm schreibt:  „The fate of Khashoggi has at least provoked global outrage, but it’s for all the wrong reasons. We are told he was a liberal, Saudi progressive voice fighting for freedom and democracy, and a martyr who paid the ultimate price for telling the truth to power. This is not just wrong, but distracts us from understanding what the incident tells us about the internal power dynamics of a kingdom going through an unprecedented period of upheaval. It is also the story of how one man got entangled in a Saudi ruling family that operates like the Mafia. Once you join, it’s for life, and if you try to leave, you become disposable. In truth, Khashoggi never had much time for western-style pluralistic democracy. In the 1970s he joined the Muslim Brotherhood, which exists to rid the Islamic world of western influence. He was a political Islamist until the end, recently praising the Muslim Brotherhood in the Washington Post. He championed the ‘moderate’ Islamist opposition in Syria, whose crimes against humanity are a matter of record. Khashoggi frequently sugarcoated his Islamist beliefs with constant references to freedom and democracy. But he never hid that he was in favour of a Muslim Brotherhood arc throughout the Middle East. Worse, from the royals’ point of view, was that Khashoggi had dirt on Saudi links to al Qaeda before the 9/11 attacks. He had befriended Osama bin Laden in the 1980s and 1990s in Afghanistan and Sudan while championing his jihad against the Soviets in dispatches. At that same time, he was employed by the Saudi intelligence services to try to persuade bin Laden to make peace with the Saudi royal family. The result? Khashoggi was the only non-royal Saudi who had the beef on the royals’ intimate dealing with al Qaeda in the lead-up to the 9/11 attacks. That would have been crucial if he had escalated his campaign to undermine the crown prince.

Das rechtfertigt natürlich nicht, was Khashoggi wahrscheinlich passiert ist, aber man muss halt auch nicht gleich in Heiligenverehrung verfallen. Jedenfalls wird es spannend, wie viele Versionen der Ereignisse die Saudis sich noch ausdenken und wen sie am Ende alles opfern müssen, um aus der Geschichte halbwegs unbeschadet rauszukommen. Aber bis dahin wird es noch viele unangenehme Enthüllungen geben, wie zum Beispiel den von den Saudis gekauften Twitter-Angestellten, der Twitter-Konten von Dissidenten ausspionieren sollte oder ihre „geheime“ Twitter-Trollarmee [Link: Saudi Arabia reportedly deployed Twitter army against Khashoggi and other critics]. Oder dass man die US-Beratungsfirma McKinsey angeheuert hat, um eine Analyse über die Reaktion über politische Entscheidungen zu verfassen.

Was macht McKinsey? Sie schicken gleich drei Namen von Regierungskritikern mit, die besonders viel Einfluss auf die Meinungsbildung zu dem Thema hatten. Vollkommen überraschend wurden diese Leute oder ihre Familienmitglieder verhaftet. McKinsey behauptet jetzt, dass man „entsetzt“ sei und sich nicht vorstellen konnte, dass ihre Analyse für sowas missbraucht wird [Link: McKinsey Is ‚Horrified‘ That Saudi Arabia Report May Have Been Misused]. Man könnte auf die Idee kommen, dass Verantwortliche bei McKinsey entweder Idioten oder Lügner sind. 😉 Und keine Sorge: Da werden noch jede Menge weitere, sehr unschöne Details ans Tageslicht kommen. Aber nicht vergessen: Saudi-Arabien ist unser Partner in Sachen Freiheit, Frieden und Menschenrechte! Nur um schon mal darauf hinzuweisen, welche echten Konsequenzen die ganze Geschichte am Ende nicht haben wird. 😛

Disclaimer: Developing Situation – Nachrichtenlage kann sich jederzeit ändern! o.O

[Update]: Kronprinz und König haben den Sohn von Jamal Khashoggi übrigens angerufen, um zu kondolieren! Ich frage mich ja, wie das Gespräch lief?  „Sorry, wir wollten ihn einfach verschwinden lassen, ohne dass du oder sonst wer es mitbekommt.“ oder auch „Das ist jetzt doof gelaufen, aber tröste dich damit, dass wir ihn eh früher oder später umgelegt hätten, jetzt bekommst du immerhin irgendwelche Geldleistungen von uns, damit du die Klappe hältst. Sonst müssen wir dich auch ermorden, aehm, hast du auch einen Unfall!“.  Sowas in der Art … -_-

>> The Saudi crown prince Mohammed bin Salman has called the son of Jamal Khashoggi to express condolences on the death of the journalist, who was killed at the Saudi consulate in Istanbul in disputed circumstances. King Salman made a similar condolence call, the kingdom said early on Monday, as international pressure on the Saudis to provide an satisfactory account of what happened to Khashoggi continued to rise. << [Link: Saudi king and prince phone Khashoggi’s son to give condolences]

[Update]: EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) meldet sich zu Wort: „Eine grundsätzliche Entscheidung [über Rüstungsexporte] sollte man aber erst treffen, wenn eine umfassende Aufklärung geschehen ist – oder wenn man Vertuschung bei den Saudis vermuten muss.“ Saudi-Arabien habe zwar eine „Tötung“ Khashoggis zugegeben, aber noch sei nicht klar, „ob es ein gemeiner Mord war„. Genau, denn bislang kann man weder einen Mord noch eine Vertuschung vermuten, dafür gibt es KEINERLEI Anhaltspunkte.  Den Begriff „umfassende Aufklärung“ durch die saudischen Behörden in diesem Fall überhaupt zu erwähnen ist schon arg dreist … o.O [Link: EU ringt um Reaktion auf Khashoggis Tod]

[Update]: Es gibt einen neuen Trend! In den Klamotten desjenigen, den man gerade ermordet hat, als Ablenkung durch Istanbul laufen [Link: Surveillance footage shows Saudi ‚body double‘ in Khashoggi’s clothes after he was killed]. Die Saudis interessieren solche Geschmacklosigkeiten eigentlich gar nicht, aber sich dabei erwischen lassen ist natürlich gerade etwas „blöd„. -_- Eigentlich sollte das der Ablenkung dienen, aber die Saudis haben den Plan fallen lassen, weil das „Stunt Double“ die falschen Schuhe getragen hat und sofort aufgeflogen ist, weswegen dieser Teil der „Cover-Story“ gar nicht weiter angetrieben wurde [Link: Saudis reportedly scrap coverup plan because Khashoggi ‚body double‘ wore the wrong shoes]. Mal schauen ob wer heute Abend in Riad einen Autounfall hat! 😀 😉

[Update]:Laut Washington Post und Wall Street Journal ist sich der US-Geheimdienst CIA sicher, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman die Ermordung des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet hat. Demnach wies MBS seinen Bruder Khalid an, mit Khashoggi zu telefonieren und ihm sagen, er solle in das saudische Konsulat nach Istanbul gehen, um Dokumente abzuholen – er sei dort sicher. Khalid Bin Salman ist der saudische Botschafter in den USA. [Link: CIA belastet saudischen Kronprinzen]

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter imperiale Politik, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.