„Kulturmarxismus? Wo habe ich das denn schon mal gehört?“

Ich höre in letzter Zeit bei den üblichen, verdächtigen, besorgten Bürgern gerne mal den Begriff des KULTURMARXISMUS. Der wird immer eingeworfen, wenn es gegen Freiheitsrechte, Bürgerrechte und besonders Frauen- und Minderheitenrechte oder gar grundlegende moralische Auffassungen #Gutmenschentum geht. Das hat mich zuerst gewundert, bis mir wieder einfiel, dass alle US-amerikanischen Trends ja zehn bis fünfzehn Jahre brauchen, um in Deutschland als Zweitverwertung zu landen.

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KULTURMARXISMUS ist übrigens die These, dass JUDEN aus FRANKFURT in die USA geflohen sind, um dort mit dem KULTURMARXISMUS oder NEOMARXISMUS keinen Kampf gegen das Wirtschaftssystem, sondern auf kultureller Ebene zu führen. Das Ziel dieser jahrzehntelangen VERSCHWÖRUNG soll es angeblich sein, Weißen (US-Amerikanern, aber mittlerweile halt jeden Weißen) den „Stolz“ auf ihre (europäische) Abstammung und Ethnie auszureden. Außerdem sollten „christliche“ bzw. konservative Familienwerte als reaktionär und rückständig dargestellt werden und die sexuelle Befreiung stattdessen als gut. Da ist natürlich klar, dass der „Philosoph“ Jordan Peterson ein großer Fan des Begriffes und der Verschwörungstheorie ist.

Dabei ist diese antisemitische Verschwörungstheorie nicht mal originär, sondern geklaut und leicht modifiziert vom KULTURBOLSCHEWISMUS, einer Erfindung der Nazis in der Weimarer Republik, die unterstellt, dass jeder der für Freiheitsrechte, Bürgerrechte und besonders Frauen- und Minderheitenrechte oder gar moralische Auffassungen eintritt ein jüdischer Kommunist ist. 😉 Da sind wir dann übrigens auch bei ENTARTETER KUNST. -_- Also …

Wenn jemand sich also aufregt, dass „der Kulturmarxismus unsere Kultur übernimmt und zerstört„, dann erinnert ihn freundlich daran, dass er/sie WORTWÖRTLICHE NAZI-PROPAGANDA verbreitet, die man ein wenig für unsere moderne Zeit aufgehübscht hat. 😉

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11 Antworten zu „Kulturmarxismus? Wo habe ich das denn schon mal gehört?“

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Nach meiner Erfahrung ist den meisten Leuten entweder nicht bewusst, welchen Ursprung der Begriff hat, oder es ist ihnen egal. Es geht primär um die angewandten Methoden die mit dem Begriff verbunden sind. Und die sind durchaus bedenklich – egal, wo sie herkommen und wer sie formuliert hat.

    Allerdings hat der Begriff und die damit verbundenen Methoden sich inzwischen etabliert und kann wohl kaum noch ausgetauscht werden. Übrigens hat auch der Gegenpart zu den „besorgten Bürgern“ genügend belastete Begriffe in Gebrauch und sorgt auch aktiv für Umwidmung der Begriffsdefinition durch angemaßte Definitionshoheit. (So viel zur Methode mit dem bedenklichen Namen).

    Mir gehen diese semantischen Spitzfindigkeiten und verbalen Schlammschlachten bei allen beteiligten Parteien unglaublich auf den Senkel. Dieses Derailing und Aufbauen von Strohmännern – da werden Schlachten geschlagen (bzw. neu belebt), die seit Jahrzehnten rum sein sollten. Vor allem die Linken entwerten z.B. den Begriff „Nazi“ indem sie alles und jeden damit titulieren, der nicht weit links orientiert ist.

    Da kann ich nur Dummheit und Geschichtsvergessenheit konstatieren. Ich bin ein „Alt-Linker“ (in den 1970ern so politisch sozialisiert worden) und das bin ich ungeachtet meiner radikalliberalen Tendenzen immer noch. Trotzdem darf ich mich inzwischen als „Rechter“ oder „Nazi“ titulieren lassen, von Deppen, die Geschichte nur oberflächlich, verkürzt und vereinfacht mitbekommen haben. Und deren Geschichtsinteresse beschränken sich dann auch nur auf 12 Jahre Nazi-Herrschaft. Es ist leider völlig sinnlos mit halb- oder ungebildeten Leuten (egal von welcher radikalen Seite) zu diskutieren, da die nie aus ihrem Wolkenkuckusheim und ihren Elfenbeintürmen herausgekommen sind.

    Früher™ konnte man mit Links-Intellektuellen sogar noch diskutieren. Die waren da auch noch halbwegs intelligent und gebildet. Mit den heutigen Pseudo-Linksintellektuellen ist das völlig unmöglich, weil sowohl ordentliche Geschichtskenntnisse als auch Diskussionskultur verloren gegangen sind. Gegenargumente werden nicht mehr geprüft, sondern einfach abgelehnt. Eigene Argumente gibt’s nicht, sondern nur die alten und längst falsifizierten Slogans und Behauptungen längst toter Polit-Theoretiker und Philosophen, denen grundlegendes Verständnis der Lebenswelt der Bürger und ökonomischer Zusammenhänge völlig abging.

    BTW: Die „Frankfurter Schule“ ist Kacke! Mir ist völlig egal wo die Leute, die diesen Unsinn verbrochen haben, ethnisch oder religiös verortet werden, oder welche tote Nazis sie bekämpft haben. (Die Nazis hatten ebenfalls ihre Methoden der Geschichts- und Kulturklitterung, die ich genauso vehement ablehne). Die Geisteshaltung dieser Leute war und ist Gift. Ich habe mich anfangs durchaus interessiert und mit neutraler Einstellung damit beschäftigt, aber die Argumente von Luhmann und Popper gegen die „Frankfurter Schule“ und ihre Anhänge sind stichhaltig. Die „Frankfurter Schule“ und ihre Anhänger sind freiheitsfeindlich. Da bin ich weitgehend der Meinung von Antony P. Mueller, der meine Erfahrungen mit dem Thema besser (und weit kürzer) zusammengefasst hat, als ich das könnte: https://www.misesde.org/?p=20892

  2. sirdoom schreibt:

    Na ja, Kapitalismus siegt sogar in China, Kommunismus ist tot und eine Weltregierung ist weit entfernt. Insofern würde ich mir da nicht zu viele Sorgen um den – ich sage hier bewusst – Neomarxismus machen. 😉

  3. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ich fürchte, da bin ich näher dran. Wenn ich mir ansehe, wie – früher konservative – Parteien nach links gerutscht sind (bzw. linke Positionen assimiliert haben); wie sehr die alte Tante SPD die Grundsätze von Brandt und Schmidt über Bord geworfen und ihr eigentliches Klientel verprellt hat und was an unseren Unis abgeht (die folgen dem, was an US-Unis abgeht, in 10 Jahren Abstand und das ist „drüben“ schon extrem übel. Da kocht der Neomarxismus nochmal so richtig hoch.

    Da habe ich halt als ’60er Babyboomer mit einem langen Gedächtnis und guten Geschichtskenntnissen einen ganz anderen Eindruck. Ich würde Deiner Ansicht gerne folgen, aber ich erlebe das ganz anders. Ich glaube zwar auch kaum, daß der Neomarxismus siegt, aber er ist in seinem Todeskampf durchaus fähig, noch eine Menge Schaden anzurichten.

    Vor allem, da linksextreme und dadurch auch rechtsextreme Tendenzen zunehmen (das Pendel geht jetzt wieder in die andere Richtung) und die „Mitte“ inzwischen auch keinen großen Bock mehr auf Toleranz und Diskussion hat. Nun ja – wir leben in interessanten Zeiten. Da müssen wir durch.

  4. sirdoom schreibt:

    Ich sag das mal #SlightlyRelated so: Vielleicht haben wir Glück und sie sind alle mit sich selbst beschäftigt! 😀 😉

    >> Late last month, the author Kosoko Jackson withdrew the publication of his début young-adult novel, “A Place for Wolves,” which had been slated for a March 26th release. Jackson’s treatment of the war and his portrayal of Muslims, had a snowball effect, particularly on Twitter. Eventually, Jackson tweeted a letter of apology to “the Book Community,” stating, “I failed to fully understand the people and the conflict that I set around my characters. I have done a disservice to the history and to the people who suffered.”

    The Jackson fracas came just weeks after another début Y.A. author, Amélie Wen Zhao, pulled her novel before it was published, also due to excoriating criticisms of it on Twitter and Goodreads.

    Ironically, Jackson was one of the louder voices speaking out against Zhao; also ironically, he has worked as a sensitivity reader for Big Five publishers, vetting manuscripts featuring characters from marginalized communities. “Now, Jackson has been demonized by the community he once helped police.” << LINK

  5. Franz schreibt:

    Also ich sehe es genauso wie lawgunsandfreedom, der in seinem ersten Kommentar behauptet, dass die Leute welche den Begriff Kulturmarxismus verwenden, über dessen Ursprung nicht Bescheid wissen, oder es ihnen egal ist.
    Außerdem kann man wohl zurecht vermuten, dass solche Begriffe wie Kulturmarxismus insbesondere von Leuten verwendet werden, die einem konservativen, christlich-fundamentalistischen oder rechtsextremen Milieu entstammen. In den beiden letztgenannten Milieus sind ja irgendwelche Theorien in denen sich die Juden (ja wer denn sonst?) mal wieder verschworen haben, gar nicht so unbeliebt.
    Wenn da behauptet wird, dass wir „Weißen“ weniger stolz sind auf unsere Herkunft als früher, dann kann ich dem zustimmen. Doch das wird wohl weniger mit irgendwelchen verschworenen Juden und ihren Helfershelfern zu tun haben, als mit der Tatsache, dass solche Bereiche wie Herkunft/Abstammung und Patriotismus stark mit Nationalismus assoziiert werden. Und in Bezug auf Nationalismus sind gerade die europäischen Völker gebrannte Kinder. So spielte der Nationalismus schon eine Rolle beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ein paar Jahrzehnte später kam dann in Deutschland (und fünf Jahre später in Österreich) eine ganz besonders radikale und boshafte nationalistische Bewegung an die Macht. Schon bald brach der nächste Weltkrieg aus.
    Nachdem nun Europa zum zweiten Mal ein Trümmerfeld war, haben sich wohl viele Leute gedacht: „Also irgendwie ist dieses Nationalismus-Zeugs doch ein richtiger Sch****!“ Infolgedessen verlor der Nationalismus bei zahlreichen Europäern und Amerikanern stark an Bedeutung. Patriotismus und Stolz auf die Herkunft wurden dabei in Mitleidenschaft gezogen.
    Ist nur eine Theorie von mir. Ich bin kein Soziologe. Vielleicht täusche ich mich auch. Aber es ist immerhin eine Theorie die ohne Juden-Verschwörung auskommt.

  6. lawgunsandfreedom schreibt:

    @Franz
    Den „Nationalstolz“ hat man uns Deutschen gründlich aberzogen. Stichwort „Re-Education“ nach dem 2. Weltkrieg, was dann von den Linken (aber auch Konservativen) weiterhin stark forciert wurde. Man schämte/schämt sich Deutscher zu sein und darf deshalb sein Land nicht lieben. Mir fehlt der Nationalstolz auch vollkommen und das wurde uns in der Schule sogar aktiv aberzogen. Die Lehrer in Deutsch und Sozialkunde betonten immer, daß Nationalstolz und Nationalismus geradewegs in die faschistisch-nazistische Hölle führen und das niemals passieren dürfe.

    Sehe ich aber Freunde und Verwandtschaft an, die im EU-Ausland, USA oder Kanada leben, da ist der Nationalstolz ungebrochen – sogar bei den eher linksorientierten Leuten. Sicher nicht mehr so hurra-patriotisch wie früher™, aber deutlich zu spüren. Allerdings gibt’s vor allem in den USA bei der Untergruppe der eher linksextremen „Liberals“ auch so einen Selbsthaß auf’s eigene Land, auf die eigene Hautfarbe (die meisten dieser Figuren sind weiße Mittelschicht. Da kann ich mitreden, ich hab‘ mich in meiner Jugend in diesen Kreisen rumgetrieben).

    Mit der Hautfarbe hat das wohl weniger zu tun. Wenn mir allerdings jemand damit kommt, daß Deutschland/Europa zu weiß ist und mehr Diversität braucht, dann lautet meine Antwort, daß weltweit weißhäutige Menschen grade mal 7–8% ausmachen und daher insgesamt in der Minderheit sind. Das Rassismus-Thema ist für mich erledigt. Den gibt’s von allen Seiten und jeder, der mir damit kommt ist oft selbst ein Rassist. Würde ich nämlich umgekehrt mehr Weiße in „schwarzen“ Ländern fordern, würde man mich als bösen, rassistischen Kolonialisten verdammen. Die ganze Diskussion ist so was von bigott und verlogen. Ständig wird mit zweierlei Maß gemessen.

    Ich habe 2 Freunde jüdischen Glaubens, die über die deutsche Selbsterniedrigung und den Selbsthass nur den Kopf schütteln können. Aber das haben wir über Jahrzehnte so beigebracht bekommen. Das sitzt tief in der Gesellschaft und wenn der Deutsche was macht, dann macht er es gründlich. So was wie Mittelmaß scheint es bei manchen Themen nicht mehr zu geben. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile.

  7. Franz schreibt:

    @lawgunsandfreedom
    Oh, da habe ich beim Verfassen meines vorhergehenden Kommentares glatt vergessen, dass die Deutschen in Bezug auf Patriotismus und Nationalismus einen Sonderfall darstellen. Aber sicher, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es nicht mehr besonders „in“ stolzer Deutscher zu sein, wenn man das so ausdrücken kann.

    Da bietet meine eigene Heimat (Österreich) ein geradezu hervorragendes Beispiel. Vielleicht ist es bereits bekannt, aber in Österreich hat sich die Bevölkerung lange Zeit als Teil der deutschen Nation betrachtet. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde vonseiten der neuen österreichischen Republik eine Vereinigung mit Deutschland angestrebt (wurde damals von den Entente-Mächten jedoch abgelehnt). Ein österreichisches Nationalbewusstsein war in geringen Ansätzen vorhanden, jedoch keinesfalls mehrheitsfähig. Im Österreich der Zwischenkriegszeit gab es sogar eine „Großdeutsche Volkspartei“ (die hieß wirklich so). Aber auch in den anderen politischen Parteien spielte die Vereinigung mit Deutschland eine gewisse Rolle. Als es dann im Jahr 1938 unter nationalsozialistischer Regie tatsächlich zum Anschluss Österreichs an Deutschland kam, sahen auch viele Österreicher darin die Erfüllung eines lange gehegten Traumes. Schon während des Zweiten Weltkriegs und den damit verbundenen Entbehrungen und Kriegserlebnissen kam es zur langsamen Eintwicklung eines österreichischen Nationalbewusstseins. Je näher das Ende des Zweiten Weltkrieges kam, desto stärker wurde der Wille eine eigenständige österreichische Nation zu sein. Nachdem Österreich wieder ein eigenständiger Staat geworden ist, bemühten sich die beiden damaligen Großparteien SPÖ und ÖVP das österreichische Nationalbewusstsein weiter zu fördern, was auch gelang. So sind wir Österreicher tatsächlich eine eigene Nation geworden. Damit einher ging auch eine starke Distanzierung von den Deutschen und den ganzen Nazi-Angelegenheiten. Bis in die 1990er Jahre wurde von offizieller sogar Seite geleugnet, das Österreicher irgendetwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten. Es wurde alles auf die Deutschen abgewälzt. Eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus fand nicht statt. Doch dies hat sich inzwischen geändert.

    Die Einwohner Österreichs, fühlen sich zwar als eigenständige österreichische Nation, doch ein Patriotismus schein mit dennoch eher schwach ausgeprägt zu sein. Doch so schwach ausgeprägt wie bei den Deutschen ist es nach meinem Empfinden nicht. SPÖ und ÖVP vertreten heute keinen österreichischen Patriotismus mehr. Dieses Feld hat die rechtskonservative FPÖ übernommen, welche sich als DIE ÖSTERREICHISCHE PARTEI gebärdet. Und die FPÖ hat ohne Zweifel einen deutschnationalen Kern. Eine Österreich-patriotische Partei mit deutschnationalen Kern. Grotesker geht es eigentlich gar nicht. Aber das ist ein anderes Thema.

    Das es im deutschen Schulsystem schon üblich ist, jeden Stolz aufs Vaterland abzuerziehen, wusste ich gar nicht. Schade ist es auf jeden Fall. Mich persönlich würde da interessieren, ob die Alliierten eine solche Progammatik konkret verordnet haben, oder ob sich die Deutschen selbst dazu entschlossen haben, ihren Vaterlandsstolz den nachkommenden Generationen abzuerziehen. Man bedenke: In Deutschland war 12 Jahre eine ultra-nationalistische Regierung am Werk und hat einen ganzen Weltkrieg vom Zaun gebrochen. Besagte Regierung hat ja nicht nur bei den eroberten und unterworfenen Völkern, sondern auch bei den Deutschen selbst massiv gewütet (und ich meine nicht nur die deutschen Juden)! Trotz zahlreicher Widerstandsaktionen von Deutschen gegen das NS-Regime, konnte dieses erst durch ausländische Invasionsmächte zu Fall gebracht werden. Solche Erlebnisse können durchaus seelische Narben hinterlassen, die möglicherweise zu dem Bedürfnis führen, jeden Ansatz von Vaterlandsstolz bei den Nachkommen sofort im Keim zu ersticken, damit solche Ereignisse nicht erneut geschehen.

    Übrigens: Solche Argumente à la „Europa ist zu weiß und so“ finde ich auch fragwürdig. Ähnlich wie bei dir kommen dann bei mir immer folgende Fragen auf: „Kann denn Schwarzafrika zu schwarz sein?“ „Kann der Nahe Osten zu braun sein?“ „Kann Ostasien zu gelb sein?“ (obwohl die Menschen in Ostasien gar nicht gelb sind, aber es ist wohl verständlich was gemeint ist).

  8. lawgunsandfreedom schreibt:

    @Franz
    Danke für die Erläuterung der österreichischen „Zustände“ bezüglich Patriotismus und Nationalismus. Mir war das, ehrlich gesagt, gar nicht bekannt. Daß Österreich sich bis in jüngste Zeit nicht seiner Rolle im 3. Reich gestellt hat, dagegen schon.

    Die Alliierten hatten tatsächlich ein Re-Education Programm zur „Entnazifizierung“ hochgezogen – das lief auch in Österreich, wenn auch bei weitem nicht so intensiv wie in Deutschland.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Reeducation

    Mit der beabsichtigten „Entfernung des Nationalsozialismus“ aus den Köpfen der Menschen, wurde natürlich der „gesunde“ Patriotismus mit eliminiert. Bei überzeugten Nazis und auch vielen Mitläufern hat das Programm gar nichts gebracht, aber bei den nachfolgenden Generationen wurde schon an Kindern angesetzt und das war tiefgreifend und nachhaltig. Gleichzeitig wurden die Medien entsprechend ausgerichtet und das Ergebnis spüren wir heute besonders, da es da keine ausgleichende Gewichtung zwischen „rechts“ und „links“ gibt, sondern eine starke Linksorientierung von Leuten, die die Bürger nicht informieren sondern belehren wollen.

    Patriotismus ist die gefühlsmäßige (mehr oder weniger starke) Bindung an die eigene Heimat. Nationalismus ist, wenn man seine Heimat über alles stellt, nach dem Motto: „Right oder wrong – my Country“. (Bei mir reicht’s grade mal zum Lokalpatrioten und auch das nur in geringer Ausprägung. Das ändert sich erstaunlicherweise, wenn ich im Ausland bin und anfange Vergleiche zum Gastland anzustellen).

    Was diese unselige, alberne und hirnlose „Hautfarbendiskussion“ angeht sind wir wohl d’accord.

  9. XD schreibt:

    Ich für meinen Teil empfinde keinen Stolz auf Deutschland. Allerdings würde ich nicht sagen, dass das ein Ergebnis meiner Erziehung und Schulzeit ist. Sogar ganz im Gegenteil. Meine Eltern waren stocknationalistisch und stolz darauf, deutsch zu sein. Meine Eltern waren auch ausländerfeindlich, wenn auch selektiv. Die Parallelstraße zu jener, in welcher meine Eltern ihr Haus gebaut hatten, wurde als „Amerikanersiedlung“ bezeichnet, da die Häuser dort für die Familien von US-Soldaten gebaut worden waren, die damals im nicht weit entfernten Worms stationiert waren (dieser Standort wurde 1996 geschlossen). Und auch ein direktes Nachbarhaus war von einer US-Soldatenfamilie bewohnt. Also an zwei Seiten US-Nachbarschaft. Gegen diese hatten meine Eltern nichts und meine Tante väterlicherseits heiratete sogar einen G.I. und zog in die USA. Wir besuchten sie sogar in den Sommerferien vor meiner Einschulung (d.h. zwischen Mauerfall und dem Anschluss der Neuen Länder an die Bundesrepublik) auf Hawaii (jener G.I. war von Deutschland nach Pearl Harbor verlegt worden). Allerdings war mir von meinen Eltern verboten worden, mit einem Kind, das ein paar Häuser weiter wohnte und eine Klasse über mir auf dieselbe Grundschule ging, zu sprechen, da diese Familie aus Rumänien stammte (Schlagwort „Zigeuner“). Ich weiß nicht, welche Partei(en) meine Eltern gewählt haben. Meine Mutter war allerdings allgemein recht unpolitisch und hat vermutlich meistens überhaupt nicht gewählt, aber beide verband, dass sie von ihrer Einstellung her zwischen CDU und NPD standen und ich vermute, dass sie zu feige waren, um wirklich NPD zu wählen zumal diese auch 1971 (dem Jahr, in dem mein Vater wahlberechtigt wurde) aus dem Landtag von Rheinland-Pfalz flog und man will ja die Stimme auch nicht an eine Partei verschwenden, die unter der 5%-Hürde bleibt. Inzwischen gibt es ja die AfD, die wie für meine Eltern geschaffen ist.

    Und ich kann mich auch nicht entsinnen, dass ich in meiner Schulzeit jemals gegen Nationalismus erzogen oder gebildet worden sei. Von der NS-Zeit wurde stets distanziert und es wurde stets klargestellt, dass Bundesrepublik Deutschland und Deutsches Reich nicht derselbe Staat waren, auch wenn die Wandkarten der Schule immernoch die Grenzen der Vorkriegszeit aufführten (auch noch vor dem „Anschluss“ Österreichs). Zugegeben – bei einer topographischen Übersichtskarte ändert sich auch meist nicht so viel auch über Jahrzehnte hinweg außer eben dieser Grenzlinien zwischen Staaten oder wenn eben doch mal ein Fluss begradigt oder eine neue Talsperre eingerichtet wird. Das Gymnasium, das ich besuchte, war recht elitär und es gab ziemlich wenige Schulkinder mit nichtdeutschem Hintergrund. In meinem Abiturjahrgang gab es z.B. gerade mal einen „halben“ Türken.

    In meinem Studium kam mal in einem Seminar nach der Präsentation mehrerer Beispiele die Frage auf, was man denn sonst noch so mittels statistischer Korrelation untersuchen könnte – ich meldete mich, wurde als erstes drangenommen und nannte: „Wahlergebnisse der NPD und Ausländeranteil im jeweiligen Gebiet“. Es herrschte Totenstille im Raum bis sich die Seminarleitung traute, nachzufragen, welches Ergebnis ich erwarten würde. Und hier erklärte ich, dass die NPD (damals) in zwei Landtagen vertreten sei und das nur in ostdeutschen Bundesländern. In die DDR waren viel weniger Menschen aus anderen Ländern eingewandert und dadurch war (und ist) der Ausländeranteil in den neuen Ländern noch immer sehr viel geringer als in den westdeutschen oder in Berlin (aktuell liegen die ostdeutschen Bundesländer ohne Berlin zwischen 3.6% und 3.9%, die westdeutschen zwischen 6.3% und 15.2% und Berlin bei 15.5%). Also postulierte ich die Erwartung einer negativen Korrelation zwischen Ausländeranteil und NPD-Wahlergebnis. D.h. quasi „je mehr >Fremde< desto weniger wird eine Partei gewählt, die für Fremdenhass steht".

    Und einen so ungefähren Eindruck hatte ich eben auch auf meinem Gymnasium. Es gab sehr wenige Schulkinder aus anderen Ländern oder mit Eltern aus anderen Ländern und damit kaum Kontakt mit anderen Lebensweisen. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass alle, die, soweit sie ihren Stammbaum kennen, nur deutsche Ahnen hatten, alle gleich aufwachsen, aber wenn man eben nur die deutsche Gesetzeslage, die deutsche Straßenverkehrsordnung, das deutsche Klima (natürlich mit geographischen Variationen, aber wir haben nunmal keine tropischen Klimazonen [mehr] in Deutschland) und die deutsche Küche kennt, dann prägt das nunmal auf andere Weise als wenn man auch mal auf einen Kindergeburtstag eingeladen wird, auf dem es Gerichte gibt, die auch noch nicht weitgehend assimiliert wurden wie Spaghetti oder Döner (ich war erst über 30 als ich das erste Mal Falafel gegessen habe).

    Kontakt und Kommunikation führen zu Verständnis, zu Austausch und meines Erachtens nach letztlich auch tendentiell zu weniger Krieg in der Welt. Das kann allerdings auch nur funktionieren, wenn auch die Integration funktioniert. Und damit meine ich gerade eben keine Assimilation dahingehend, dass diejenigen, die in ein anderes Land einwandern, sich allem komplett anpassen müssen, sondern, dass z.B. Spracherwerb ermöglicht wird, denn ohne eine gemeinsame Sprache geht es einfach nicht – und das ist eben auch ein großes Problem weltweit. Auch wenn Englisch als weitverbreitetste Zweitsprache der Welt halbwegs dran ist, so haben wir doch keine Weltsprache. Da beneide ich doch diverse Fantasy-Welten, wo es soetwas gibt und dadurch sogar Elfen und Zwerge problemlos miteinander reden können. Oder auch Scifi-Universen wie Star Trek. Vielleicht haben wir irgendwann etwas ähnliches wie Phaser, Beamen oder sogar einen Warp Drive – aber wir werden niemals einen Universaltranslator haben.

    Ich wurde also ziemlich deutschnationalistisch erzogen und auch in der Schule wurde nie versucht, dem entgegenzuwirken. Dennoch bin ich, wie schon am Anfang genannt, keineswegs stolz auf Deutschland oder stolz darauf, deutsch zu sein. Mir stellt sich da aber auch durchaus die Frage: weshalb sollte ich es sein? Zum einen sehe ich meinen Einfluss darauf, wie sich Deutschland selbst zu meiner Lebzeit entwickelt hat, als ziemlich gering an. D.h. ich kann nicht stolz darauf sein, Deutschland zu dem gemacht zu haben, was es heute ist. Und ich kann auch nicht stolz auf das sein, was Deutschland heute ist. Ich sehe viel Hass und Gewalt in Deutschland, die ich nicht gutheißen kann – und nicht nur in dem Bereich Rassismus/Fremdenfeindlichkeit/Ausländerhass. Ja, es gibt Staaten, in denen das viel schlimmer ist, wie etwa in Syrien, wo sich auch Spannungen zwischen einer mehrheitlich arabischen Bevölkerung und einer kurdischen Minderheit entladen. Es gibt keinen kurdischen Staat, zu dem es eine formale Grenze geben könnte, aber es gab auch in all den Jahrzehnten, in denen es den Staat Syrien nun gab, auch nie eine erfolgreiche Integration, die dazu hätte führen können, dass sich diese kurdische Minderheit nicht mehr noch immer so stark und mehrheitlich als eine Minderheit in einem mehrheitlich arabischen Staat sieht. Aber auch wenn es Staaten mit mehr Hass und Gewalt gibt, sehe ich das Ausmaß in Deutschland nicht als gering genug an, als dass ich stolz darauf sein könnte. Dasselbe gilt für das deutsche Sozialsystem, das deutsche Gesundheitssystem, das deutsche politische System, den deutschen Umweltschutz, das deutsche Bildungssystem und mehr. Ich kann auch keinerlei Stolz für die deutsche Geschichte oder Kultur empfinden – selbst wenn ich die beiden Weltkriege auslasse. Ich empfinde keinen Stolz für das 1871 mit der Hilfe französischer Kriegsreparationen gegründete Deutsche Reich und auch keinen Stolz auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder das antike Germanentum. Es gab noch keinen deutschen Staat, der mir gefallen hätte.

    Da versuche ich doch lieber weiter mit meinen begrenzten Einflussmöglichkeiten, daran mitzuwirken, einen solchen zu schaffen – wobei das kein "deutscher" Staat sein muss und auch nicht unbedingt ein "Staat" im klassischen Sinne.

  10. sirdoom schreibt:

    Kurzer Einwurf zu Decaturs „Right oder wrong – my Country„: Ich bevorzuge …

    Our country, right or wrong. When right, to be kept right; when wrong, to be put right.“
    – General der Unions-Armee Carl Schurz, radikaldemokratischer Revolutionär und Teilnehmer der Märzrevolution von 1848/1849, der dann ins europäische Exil ging, in die USA auswanderte, Journalist und Anti-Sklaverei-Aktivist wurde, zum Berater von Präsident Lincolns aufstieg und amerikanischer Botschafter in Spanien wurde, um dann im US-Bürgerkrieg/ Sezessionskrieg als General zu dienen. Danach wurde er in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt, in dem er den Bundesstaat Missouri von 1869 bis 1875 vertrat. 1877 wurde er US-amerikanischer Innenminister. [LINK]

  11. Franz schreibt:

    @lawgunsandfreedom
    Bitte, habe ich gerne gemacht. Ich muss aber zugeben, dass es keineswegs eine uneigennützige Tat gewesen ist, schließlich schreibe/rede ich sehr gern über geschichtliche Themen. Ich danke ebenso für die interessanten Informationen über Deutschland. In Bezug auf die deutschen Medien habe ich mir bereits schon gedacht, dass es einen gewissen Linksdrall gibt. So habe ich schon viele Artikel im Spiegel und in der Zeit gelesen. In diesen beiden großen Zeitungen ist eine gewisse Linksorientierung unschwer zu erkennen. Dann kenne ich noch die Bild-Zeitung. Aber die ist meiner Meinung nach weder links noch rechts, sondern einfach nur bescheuert. Das deutsche Pendant zur Kronen-Zeitung. Oder die Kronen-Zeitung ist das Österreichische Pendant zur Bild-Zeitung. Kommt auf den Blickwinkel an.

    @XD
    Also ich bin schon der Ansicht, dass ein wenig Patriotismus wichtig ist. Jeder Mensch ist immerhin in irgendeinem Land geboren, aufgewachsen, lebt und arbeitet dort. Da wäre es schon gut, wenn man sich mit diesem Land und seinen Bewohnern verbunden fühlt. Und Deutschland ist ja immerhin eines der am weitesten entwickelten Länder der Welt mit einem dementsprechend hohen Lebensstandard. Natürlich gibt es auch viele Dinge die noch im Argen liegen, aber in welchem Land ist das nicht der Fall? Alles hat seine Stärken und Schwächen. Damit will ich jetzt natürlich nicht sagen, dass man die Schwächen Deutschlands akzeptieren muss und man nichts dagegen tun kann. Seien dies nun institutionelle Mängel im Sozial- und Gesundheitssystem oder die Renaissance von nationalistischen und fremdenfeindlichen Gedankengut. Das die NPD vorzugsweise in Gegenden mit geringem Ausländeranteil gewählt wird, wundert mich nicht. Ist in Österreich genau die gleiche Geschichte. Die fremdenfeindliche FPÖ wird besonders in Gegenden gewählt, wo man kaum irgendeinen Ausländer antrifft. Nicht selten sind es ländliche Gebiete, besonders im Gebirge, wo die FPÖ rekordverdächtige Ergebnisse erzielt. Also genau in jenen Gebieten, wo der Großteil der Einwohner vermutlich noch nie einen Ausländer zu Gesicht bekommen hat. Im urbanen Bereich, wo doch sehr viele Einwanderer leben, sieht es dann nicht mehr so toll für die FPÖ aus. Von daher kann ich nur zustimmen, wenn du behauptest, dass Kontakt wichtig ist.

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