„Snippet – Eden vor dem Abgrund“

Hinter dem beliebten Farn- und Blumenmond „Vorgarten“ lag eine Umlaufbahn weiter der Wohnmond „Reihenhaus„, der komplett wie eine mondumspannende Vorstadtsiedlung aussah und dessen Wohneinheiten ausschließlich aus hundertausenden, fast identischen „Einfamilienhäusern“ bestanden. Und dessen Rate an Bewohnern, die irgendwann durchdrehten und Amok liefen, fast auf dem Niveau einiger Slumplaneten lag.

Eden vor dem Abgrund - Logo
[Derivative of „25 solar system objects smaller than Earth“ by tony_g100 / (CC BY 3.0)]

Dann kam die Hauptattraktion des Eden-Systems: Der Villenplaneten Eden-2. Nur die wenigstens Bewohner des Eden-Systems wussten, dass Vorgarten, Reihenhaus und Eden-2 bei ihrer Planung allesamt vorläufige Namen gewesen waren. Und auch wenn sich die Bewohner von Reihenhaus in den wenigen glasklaren Momenten zwischen „funktionieren im System“ und „Wahnsinn“ fragten, warum alles auf ihrem Wohnmond gleich aussah, konnte sich eigentlich niemand vorstellen, dass es wirklich an einigen der Bewohner von Eden-2 lag. Die hatten nämlich Bedenken angemeldet, dass ihnen der Ausblick am Himmel durch Hochhäuser und unsymmetrische Ansiedlungen verdorben wird. Was natürlich Unsinn war, da man von Eden-2 aus nur mit einem Teleskop irgendwelche Siedlungsstrukturen auf Reihenhaus  ausmachen konnte. Aber bei Bewohnern eines Villenplaneten, wo schon mal größere Inseln oder kleinere Kontinente als ein Grundstück durchgingen, nahm man auch solche Bedenken eben  ernst. Was jetzt aber alles keine besonders große Rolle mehr spielte.

Der „Abgrund„, eine Art kosmische Schlechtwetterwolke mit mehreren Lichtjahren Durchmesser zog auf das Eden-System zu und würde es, wie den ganzen Sektor, vernichten. Weswegen Colonel Dirkenbaum und seine Brigade mit 5000 Soldaten hier war. Ihr Auftrag: Die Evakuierung wichtigen Personals, wichtiger Kunstgegenstände und Aufstandsunterdrückung. Unter den letzten Teil seines Auftrages fielen alle Einwohner von Reihenhaus. Die dummerweise den Braten gerochen hatten und nach der letzten Arbeitsschicht nicht auf ihren Wohnmond zurückgekehrt waren, sondern im Gegenteil ihre Familien nach Eden-2 geholt hatten. Was Dirkenbaums Auftrag ein wenig komplizierte. Denn natürlich gab es nicht ansatzweise genug interstellaren Schiffsraum, um die breite Bevölkerung zu retten. Noch vermutete die Unterschicht des Systems das nur, aber bald würden sie sich sicher sein, dass es nichts mehr zu verlieren gab und dann würde es wirklich unschön werden.

Ironischerweise blieb die obere Mittelschicht vollkommen ruhig, da sie davon ausgingen wichtig genug zu sein, um gerettet zu werden. Was natürlich ebenfalls  ein gewaltiger Irrtum war. Ursprünglich hätte Dirkenbaum sich auch noch um das militärisch-zivile Forschungsprogramm kümmern sollen, was mehr über den Abgrund in Erfahrung bringen sollte. Was er aber erfolgreich in die Hände des vollkommen überforderten, zivilen Administrators von Eden-2 abgeschoben hatte. „Wenn schon eine Shitshow, dann bitte für alle“ war mittlerweile Dirkenbaums Motto für die ganze Operation. Er hatte auch irgendwie den Verdacht, dass seine politischen Pläne für den Senat nach dem Ende seiner Dienstzeit gerade den Bach runtergingen, ganz egal wie gut oder schlecht er den Auftrag löste.

Sir, wir haben da wahrscheinlich ein Problem!“ Major Tamara Xen, sein S4 und damit verantwortlich für die Logistik der Brigade, unterbrach seinen Gedankengang. Xen nahm seine hochgezogene Augenbrau als nonverbales Signal fortzufahren. „Ich habe nach dem Daten-Update mal nachgerechnet, wie das mit dem Laderaum aussieht. Bislang sah es so aus, als ob wir, wenn wir nur die VIPs mitnehmen, genug Platz haben. Aber ich habe gerade eine Ladeliste mit Kunstwerken, Schmuck und Haustieren bekommen und das wirft unsere Planung ein wenig über den Haufen. Wir können immer noch alle VIPs und ihren Kram mitnehmen, aber dann bleibt die Brigade hier zurück. Und ich habe den Verdacht, dass man das im HQ von Anfang an gewusst hat, Sir.“

Dirkenbaum spuckte sein Kaugummi aus. „Was für eine verdammte Shitshow!

[Schnipsel / Ausschnitt aus der Geschichte EDEN VOR DEM ABGRUND von Peer Bieber]

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