„No Vaccination for the Dying*“

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Es gibt den Grundsatz, dass in einer sich exponentiell entwickelnden, hochtechnischen Welt die Zahl der Abgehängten rasant wächst und dabei zwangsläufig eine Gegenbewegung entsteht. Das kann man auch vergleichen mit der Aufklärung, sexueller Revolution, Wissenschaft im Allgemeinen. Im Moment schwingt das Pendel ganz allgemein zurück. Abtreibung ist Mord, vergewaltigte Frauen sollten froh über ihr Kind sein und Verhütung ist Teufelswerk, äußerte erst kürzlich mit Rick Santorum einer der Kandidaten im präsidialen Vorwahlkampf 2012 der Republikaner in den USA. Aber man findet diesen bedauerlichen „swing back“ an vielen Stellen. Eine Hochburg ist die Gruppe der Impfgegner und Alternativmediziner.

Ihre Argumentation ist häufig nicht wissenschaftlich fundiert, alternativmedizinisch verbrämt, religiös-esoterisch, dogmatisch bis verschwörungstheoretisch. Angst vor Impfschäden, Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen, gegenüber der Pharmaindustrie und gegenüber der konventionellen Medizin, Unwissen und Unsicherheit tragen zu solchen Ansichten bei. Als besonders bedenklich mag dabei die gezielte Infiltration des Hebammenberufs durch Impfgegner gesehen werden, da junge Eltern besonders anfällig für diese Verunsicherung sind. Immer wieder zu beobachten: Impfgegner arbeiten mit veralteten Studien und Daten, verharmlosen oder vergessen die Konsequenzen von Infektionskrankheiten(Entwicklungsschäden bis hin zum Tod) und übertreiben die Nebenwirkungen von Impfungen. Persönlicher Einwurf: Meine Masernimpfung war sicherlich ganz schlimme Anbiederung an den militärisch-pharmazeutischen-whatever-Komplex, aber ich hab mich nicht blutig gekratzt, bis heute Narben und eine anhaltende Gehirnentzündung samt epileptischer Anfälle. Von Populationsimmunität durch breiten Impfschutz der Gesellschaft wollen wir gar nicht erst reden, denn dies ist natürlich Unfug – ohne weitere Begründung – sagen Impfgegner. Schöne Beispiele: Die Ausrottung der Pocken basiert auf einer 99%igen Durchimpfung der Bevölkerung. Polio(Kinderlähmung) könnte längst Geschichte sein, was in Europa auch annähernd zutrifft, aber in Asien stellt es ein riesiges Problem dar. Verkrüppelte Erwachsene, keine Versorgung,  Armut, Stigmatisierung und das alles, weil es den Impfstoff für  2€ nicht gibt. Impfgegner argumentieren auch, dass es Krankheiten und Spätfolgen gäbe, die als Nebenwirkungen von Impfungen oder anderen Inhaltsstoffen von Impfungen gesehen werden können. Als Spätfolgen von Impfungen werden dann immer Allergien, Asthma oder plötzlicher Kindstod angeführt. Solche Aussagen wurden aber schon länger entkräftet. Z.B. zeigen epidemiologische Vergleiche, dass Allergien erst nach der Wiedervereinigung in der Bevölkerung der früheren DDR, in der eine Impfpflicht mit einer fast 100% Durchimpfung der Bevölkerung bestand, signifikant zu nahmen, was in einem direkten Zusammenhang mit dem Rückgang der Schutzimpfungen zu sehen ist. Ein ganz interessanter Punkt: Impfgegner werfen den Pharmakonzernen wirtschaftliche Interessen vor, weswegen man deren Erkenntnissen nicht trauen kann. Aber sämtliche, prominenten Meinungsführer der Impfgegner haben oder sind an Geschäften beteiligt, die „gesegnetes Wasser“ und andere, alternative „Heilstoffe“ verscherbeln. Oder sie schreiben „Sachbücher“ zum Thema und vermarkten sich als „Experten„. Hier sind natürlich keine wirtschaftlichen Interessen am Werk, deretwegen man zweifelhafte Motive unterstellen könnte, sondern reine Menschenliebe und ein ganz wenig Barg€ld.

Hiermit will ich übrigens keineswegs andeuten, dass man sich gegen jeden Mist impfen lassen muss und man sollte die pharmazeutische Branche durchaus kritisch betrachten. Aber wer sich gegen z.B. Diphtherie, FSME, Masern, etc. nicht impfen lässt, muss schon echt geistig beeinträchtigt sein. Oder religiös verbrämt, was uns da dahin führt, dass die richtigen Hardcore-Impfgegner eine ganz absonderliche Melange aus religiösen, esoterischen, teilweise rechtsextremen(Stichwort Naturheilkunde Nationalsozialismus) Fanatikern sind. Wenn dann Leute ihre Katzen impfen, damit die kleinen Katzen nicht an Katzenschnupfen verrecken, aber ihre Kinder vor der Tetanusimpfung „bewahren„, damit diese angemessen verrecken können, wird die ganze Absurdität dahinter klar.

Dieser Beitrag wurde unter imperiale Politik, verbale Diarrhoe abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu „No Vaccination for the Dying*“

  1. Nogger schreibt:

    Als einer der von Dir beschimpften Impfgegner (Persönlicher Einwurf: Ich hatte zweimal die Masern, einmal als Kind, einmal mit Anfang 20 und nicht die kleinste Narbe behalten) muss ich feststellen, dass Du Dir die Kritik an Impfgegner etwas einfach machst.

    Gerade FSME und Masern sind ganz klassische Beispiele. Die FSME-Impfung gerät immer wieder dadurch in die Schlagzeilen, dass sie genau die Infektionen auslöst gegen die sie impfen soll und sogar eher impf-fanatische Ärzte haben mir davon abgeraten mich gegen FSME impfen zu lassen solange ich nicht durch den Wald springe.

    Masern sind eine relativ harmlose Kinderkrankheit die effektiv nur für schwangere Frauen ein Problem ist und da schlägt der Impfwahn gerade eben zu. Früher hatte jedes Mädchen die Masern in frühester Kindheit und gut war’s. Heute haben Mädchen keine Masern mehr, die Impfung ist unzuverlässig und wenn dann doch irgendwo mal wieder die Masern ausbrechen bricht zeitgleich die Megapanik aus. Als ich mit meinen zweiten Masern ins Krankenhaus bin sind sogar die Krankenschwestern weggelaufen.

    Dazu kommt dass Kinderkrankheiten von manchen auch als „Trainingsfeld“ für das Immunsystem angesehen werden und was die Langzeit-Auswirkungen davon sind, dieses Training durch Impfungen zu „überspringen“, dazu weiss man immer noch nicht viel.

    Krankheiten wie Polio, Diphterie u.ä. sollte man sicher mit allen Mitteln bekämpfen aber gerade Masern sind ein Beispiel wo man’s auch hätte bleiben lassen können.

  2. sirdoom schreibt:

    Nachdem was ich heute von einer Horde echter Impfgegner erlebt habe, inklusive „Weltverschwörung, Scherge des Bösen der Impfungen unterstützt, Sternenstaub für 200€ macht gesund, Ultraschall zerstört Babyhirne, ABER Kaiserschnitt ist schlecht, weil der natürliche Geburtsweg viel härter ist und das Kind widerstandsfähiger macht„, sind sämtliche meiner negativen Anmerkungen harmlose Untertreibungen, die viel zu wenig beleidigend sind. Glück gehabt@Masern^^.

    @Masern: Die Impfung ist keineswegs unzuverlässig, allerdings muss bei einer Durchimpfungsrate von weniger als 95 % mit sporadischen Masernepidemien in mehrjährigen Abständen gerechnet werden, weshalb mit einer zweiten Impfung, frühestens vier Wochen nach der ersten, Impflücken geschlossen werden, um „Impfversagern“ den entsprechenden Impfschutz zu gewähren. Nach einer zweifachen MMR-Impfung entwickeln über 99 % eine lebenslange Immunität, die durch einen Titer-unabhängigen Nachweis von Masern-IgG festgestellt werden kann. Unzuverlässig ist „anders„.
    @FSME: Klar muss man nicht zwangsläufig geimpft werden, wenn kein Wald in der Nähe ist. Ansonsten sind die Nebenwirkungen der Impfung aber irrelevant im Vergleich zum zum Ausbruch.

    Polio, Diphterie u.ä.

    Wenn wir darüber diskutieren müssten, würde ich das nicht mehr Diskussion nennen 😉

  3. 3-6 schreibt:

    „Dazu kommt dass Kinderkrankheiten von manchen auch als “Trainingsfeld” für das Immunsystem angesehen werden und was die Langzeit-Auswirkungen davon sind, dieses Training durch Impfungen zu “überspringen”, dazu weiss man immer noch nicht viel. “

    Eine Impfung ist die Auslösung eines sehr milden Krankheitsverlaufs. Genau das IST Trainingseffekt für das Immunsystem. Du erzählst Unfug.

  4. Nogger schreibt:

    @3-6: Das ist so, als ob Du einen gemütlichen Spaziergang mit einem Marathonlauf vergleichst und sagst „Das ist auch Training.“ Bei einer Impfung ist die Infektion üblicherweise schon wieder abgeklungen bevor das Immunsystem richtig warmgelaufen ist. Und ja, Du hast danach die Anti-Körper gegen die spezifische Infektion. Aber Dein Immunsystem auf unspezifische Infektionen trainiert hast Du dabei nicht.

  5. Nogger schreibt:

    @Sirdoom: Wenn Du die Freaks als maßgeblich für jede kritische Bewegung nehmen würdest, dann könntest Du auch gleich ein paar Bewegungen mit denen Du sympathisierst in die Tonne treten.

    Wie in jedem Fall gilt ein gesundes Mittelmaß zu wahren. Manchmal ist es sinnvoll sich gegen Krankheiten impfen zu lassen oder ganz gezielt zu versuchen, eine Krankheit durch Durchimpfung auszurotten – was bei der derzeitigen globalen Gesundheitsinfrastruktur aber unrealistisch ist. Manche Krankheiten sind aber auch so unproblematisch, dass es nicht schadet da einfach mal durchzugehen.

  6. C.Cloud schreibt:

    Entgegen anderen Bewegungen die mir völlig egal sind und von mir aus sich selber aus protest verbrennen könnten (solange ich nicht zu erster Hilfe verpflichtet bin, außerhalb von Wohngebieten tief in einem Moor oder auf hoher See) hab ich bei den Impfgegnern meistens keine positiven Erfahrungen gemacht.
    Neben der Aufdringlichkeit in Prospekten und beim belabern am Bahnhof (neuerdings auch vor Ärztehäusern hier) wird vieles sehr einfach gehalten um nicht sagen zu müssen verharmlost oder falsch dargestellt.
    Klar FSME muss man nicht bekommen, nur weil man einmal von einer Zecke gebissen wird und man kann eine Krankheit auch ohne Impfung überstehen. Die große Frage die sich mir dabei stellt ist: Warum soll ich mir das antun?
    Bleiben wir doch bei dem Beispiel:
    FSME zieht sich ohne Impfung meist über mehrere Monate hinweg mit Kopfschmerzen, Fieberschüben bis zu einer Körpertemperatur von über 40°C, meist einhergehend mit Bewußtseinsstörungen und zum Teil auch Lähmungen. Zum Glück klingen auch nach schweren verläufen die Symptome meist vollständig ab, aber warum soll ich Monate lang mir so einen Zustand gefallen lassen, wenn drei Spritzen mich davor bewahren können?
    Ja, ich habe vernommen, dass ca 200 Personen mit Impfkomplikationen kämpfen mussten, aber… bei wievielen durchgeführten Impfungen insgesamt? Wieviel Prozent sind das? Bei der wievielten Impfung welche Art der Komplikation? Wurde die komplikation wahrscheinlich durch den Impfstoff/ seine Zusätze ausgelöst? Ist ein Fremdverschulden bei Lagerung und Transport ausgeschlossen? Nicht das ich sesationsgeil wäre aber das wären die Fragen welche ich bei solchen Dingen stelle… und dann natürlich noch die große Frage nach der Quelle und deren Nachweise… Mir fehlen einfach hierbei immer kleine Informationen… und je länger man löchert, desto schwammiger wird die Information….
    zugegeben empfinde ich Abneigung gegenüber Menschen die mich von der Seite ansprechen, um ihre Lebenseinstellung mitzuteilen und ignoriere sie normalerweise…

    aber was mich immer wieder auf die Palme bringt:
    In fast JEDEM dieser Prospekte (insbesondere DEM der mir in die Hand gedrückt wurde, nachdem ich den ersten hab fallen lassen)/ der Internetseiten, die ich zu dem Thema besucht habe wird hervorgehoben, dass kein 100% Impfschutz entstehen würde. Allein die Zahl „100“ und „%“ zeigen hier immer wieder diese populistische „‚Schreibweise'“, da es naturwissenschaftlich in der Regel keine Aussage gibt die 100% bestätigt werden kann.
    In % gibt man Anteile an und kein Maß für eine Verstärkung der Immunabwehr (Verstärkungen müssten eh mit Werten über 1 oder >100% angegeben werden, sonst wären es verminderungen. …anbei welche Anteile werden hier denn in Relation gesetzt: man erwartet [Geimpft]/[Allen anderen] oder [Geimpft]/[ungeimpft]? Was soll denn das für eine Aussage sein? Die genaue Antwort darauf fand ich bisher in keiner der Quellen die ich besuchte. Klar… gemeint ist, dass du trotz Impfung krank werden kannst, aber warum nehme ich so eine Darstellung?Achja, deswegen….)!
    Die Angabe in Wahrscheinlichkeiten ist hierbei gängig und die werden immer mir 1:[ZAHL] angegeben.
    Bei FSME wird aus einer Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung bei exposition von 1:18000 ohne Impfung zu 1:840000 mit Impfung (leider nur Wiki Zahlen, aber in meiner Literatur sind nur die veralteten Zahlen von 2005 nur hat sich seither viel in der Messtechnick getan). Ja klar ist schwerer zu lesen am Anfang aber weniger dramatisch….

    Tja und als einer der Menschen die die Darstellung von Ergebnissen sehr genau betrachtet, kann ich solche Aussagen bei genauerer Betrachtung nicht mehr nachvollziehen.
    Je tiefer man danach buddelt umso kuriosere Angaben werden dabei dann offenbart: Angaben bei Impfwirksamkeiten ohne Titer oder in skurrilen Maßeinheiten ohne Blind- oder Positivkontrollen… mir fehlt dann dabei das Verständnis dafür dass es um eine Bereicherung der Vernunft geht.

    Ist halt meine Meinung (achja ich bin schon mehrfach geimpft worden und das seit Jahren erschreckenderweise ohne Komplikationen. Außerdem habe ich keine schweren Allergien oder anderen Hokuspokus, der angeblich durch Impfungen verursacht wird)
    Auch wenn ich zugebe schon etwas parteiisch zu sein, sehe ich in Impfungen bei einem bestehenden Erkrankungsrisiko eher einen Gewinn.

  7. 3-6 schreibt:

    Eine Impfung, bei der mehr Schaden als Nutzen bewirkt wird, würde gar nicht zugelassen.

    So etwas wie einen Trainingseffekt für die allgemeine Immunreaktion gibt es nicht. Deren Qualität ist genetisch definiert. Für die spezifische Immunreaktion aber ist der Krankheitsverlauf total gleich. Mal wieder: Unfug.

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