„Review – Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method)“

Ich habe wirklich gezögert, ob ich mehr zu David Cronenbergs letztem Film A Dangerous Method – auf Deutsch ganz schrecklich Eine dunkle Begierde  – schreiben sollte, als eine kurze Alibi-Review. Denn eigentlich kann man sich damit nur in die Nesseln setzen. Aber es geht um Freud, da passiert das ja eh. Worauf also hat sich Cronenberg da eingelassen und worauf soll sich der Zuschauer einlassen?

Im Grunde geht es um die frühe Geschichte der analytischen Psychologie(Jung) und der Psychoanalyse(Freud) an Hand der direkten Ereignisse, Beziehungen, Streits und Abgründe rund um Sigmund Freud (Viggo Mortensen), Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), Sabina Spielrein (Keira Knightley) und Otto Groß (Vincent Cassel) . Und Cronenberg schwankt zwischen brillant besetztem BBC-Doku-Drama, zeitgenössischem Sittenbild, Psychodrama und einem Intellektuellen-BDSM-Softporno, bei dem Keira Knightley gespanked wird. Jetzt habe ich eure volle Aufmerksamkeit, oder? Diese Unentschlossenheit führt dazu, dass der Film kein Profil gewinnt und im Gegensatz zu Cronenbergs sonstigen Arbeiten unrund als Aneinanderreihung von Szenen dahinplätschert. Die Dialoge sind gekonnt, die Darsteller ganz großartig, Bild und Ton ganz toll, aber es findet alles nicht zusammen und es fehlt der unwiderstehliche Sog, der ansonsten von Cronenbergs Filmen ausgeht. Sicher, der Film baut durchaus Relevanz für die heutige Zeit ein und zeigt, dass dieselben – sexuellen – Schranken und gesellschaftlichen Zwänge weiterhin existieren und wie verlogen das Bürgertum agiert, aber es wirkt alles wie unter einem Weichfilter. Etwas ärgerlich wird die Geschichte in Hinblick auf den aufziehenden Nationalsozialismus. Jungs jüdischer Ödipus Freud, den er quasi meuchelt, zusammen mit Jungs Faszination für die Esoterik und Grenzwissenschaften, samt Vision einer Flut, die Europa vernichtet, ist etwas sehr dick aufgetragen und historisch auch nicht so wirklich haltbar, auch wenn man sich bemüht einen Gegenpol zu setzen, der aber im Verlauf untergeht.

edb01Eine dunkle Begierde ist wahrscheinlichen immer noch der beste Film zu dem Thema, aber ich bin doch ziemlich enttäuscht. Obwohl Keira Knightley nackig gespanked wird, was in Zusammenhang mit ihrer Rolle im London Boulevard, als berühmte und von Papparazzi verfolgte Schönheit, wo der Satz fällt, dass sie wahrscheinlich eine der am häufigsten in der Vorstellung und den Zeitung vergewaltigten Frauen der Welt sei, im Zusammenspiel mit ihrer Rolle als Sabina Spielrein ganz unglückliche Implikationen heraufbeschwört. Cronenberg hat im Endeffekt den „Fehler“ gemacht, sich nicht auf seinen eigenen Stil zu verlassen und den Fokus verloren. Meisterwerke wie Die Fliege, der stark unterschätzte Scanners, das seiner Zeit weit voraus seiende Biotech-Meisterwerk eXistenZ, gegen den der so gelobte Überbau von Matrix Moppelkotze ist, der Psycho-Thriller – im Sinne von Verdrängung, Neuerfindung, Aggression und Determinismus – der letzten Jahre, A History of Violence, hatten alle einen Vorteil: Cronenbergs Kompromisslosigkeit. Wenn ich mir vorstelle, wie Cronenberg Jung, Freud und Spielrein ins 21. Jahrhundert verlegt und mit Gewalt, Sex und Doppelmoral zeigt, wie dieselben, heuchlerischen Mechanismen von damals auch heute funktionieren, wird mir ganz warm ums Herz. Aber Cronenberg hat einen historischen Film gemacht,  nicht mal einen schlechten Film, aber keinen Cronenberg…

Und jetzt Industrial Metal – Wer einen Zusammenhang zwischen Gott, Abgründen, Esoterik, Weltraum, Ängsten, etc. und dem Film erkennt, bekommt einen Kuchen.

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11 Antworten zu „Review – Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method)“

  1. farmerboy schreibt:

    …wait,,,there is no cake…? *waaaaa*

  2. sirdoom schreibt:

    Natürlich gibt es Kuchen, wobei ich mit etwas hochgezogener Augenbraue zur Kenntnisse nehme, dass sowohl hier wie bei FB alle auf die Portal-Referenz anspringen, aber keiner auf den „Spanky-Keira-Knightley“-Köder 😉

  3. Andai schreibt:

    Keira Knightley ist keine Frau und auch gespanked kein deut sexier als die durchschnittlichen Jungen bei katholischen Messen…und ich bin kein Priester..aber das Thema Jung und Freud wiederum könnte sehr, sehr interessant sein, gerade für meine Verlobte, die sowieso mit Psychologie recht eng ist ^^

  4. sirdoom schreibt:

    Da es zu dem Thema sonst nicht so wirklich viel gibt und der Film auch ziemlich wertig ist, auch wenn ich trotzdem enttäuscht war(Cronenberg), würd ich mal sagen anschauen.

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